So ein junger Autor? Und so jung schon bei Diogenes? Nicht zuletzt auch in den Feuilletons? Selbst wenn ich seine ersten Werke verpasst haben, sorgte die Pressemaschinerie doch dafür, dass der Name Benedict Wells mir bekannt war. Und so schnappte ich mir »Fast genial« in der Bücherei, als sich mir die Gelegenheit bot.
Inhalt
Francis ist fast 18 Jahre alt und sein Leben ist an einem Wendepunkt angelangt: Er erlebte den sozialen Abstieg mit, als seine alleinerziehende Mutter ihren Job verlor und dadurch in einen heruntergekommenen Trailerpark in New Jersey umziehen mussten. Kurz darauf landete sie in der Psychiatrie. Nach einem Selbstmordversuch erfährt Francis, wie er entstanden ist und macht sich mit seinem besten Freund Grover und seiner Freundin Anne-May auf die Suche nach seinem Vater.
Meinung (Ohne Spoiler) Das Buch erzählt die abenteuerliche Reise von Francis und seinen Freunden, die mit dem Auto quer durch Amerika fahren. Die Idee hinter der Geschichte des Vaters entspringt einer wahren Begebenheit. Benedict Wells schafft es wunderbar, zwischen allen Unsicherheiten seiner Hauptfigur zu balancieren: Ist Francis ein Versager? Ein Genie? Wer ist sein Vater und wie wird er auf ihn reagieren? Löst seine Herkunft all seine Probleme? Und was ist mit seinem immer wiederkehrenden Traum über ein Roulette im Casino?
Dasselbe Schwanken entspinnt sich zwischen Francis, Grover und vor allem Anne-May. Bis zum Schluss bleibt unklar, wie sich das Dreiergespann entwickeln wird.
Der Stil ist leicht zu lesen, die Handlung baut ein gutes Tempo auf, gewürzt mit spannenden Entwicklungen der Charaktere. Allerdings bleibt alles in allem etwas zu oberflächlich, viele Worte und Möglichkeiten unangetastet, die Reise unscheinbar. Bei mir entstand dadurch der Eindruck, lediglich die Fassade eines heutigen Amerikas vor mir zu haben und gerade durch den Hintergrund des Autors stellte sich mir oft die Frage, wie real die Schilderungen aus dem Trailerpark nun wirklich sind (auch wenn Benedict Wells für den Roman eine Reise durch die USA gemacht hat).
Meinung (mit Spoiler)
Etwas ernüchtert war ich, als ich einen Artikel zur Samenbank der Genies fand, der fast genau die Handlung des Romans aufzeichnete. Die Parallelen waren unübersehbar.
Trotzdem hat mir die Ausarbeitung von Benedict Wells gefallen: Dieses verrückte Roadmovie, die verquere Beziehung zwischen Francis und Anne-May, sein ständiges Schwanken zwischen Verlierer und Gewinner. Nicht zuletzt das Ende war meiner Meinung nach perfekt: Alle Möglichkeiten, die sich für Francis boten, zeichnete Wells auf und ließ die Wahl für den Leser offen. Welches ich mir gewünscht hätte? Ich weiß es wirklich nicht, aber genau dieser Gedanke gefällt mir; dass die endgültige Lösung für Francis in all der Unsicherheit und dem Schwanken niemals festgelegt wird.
Fazit Eine leichte Lektüre mit spannenden Figuren: Überraschende Wendungen und interessante Ideen, die gut herausgearbeitet sind, machen den dritten Roman von Benedict Wells zu einem Roadmovie-Schmöker. Die leichte Oberflächlichkeit, die ich ihm unterstelle, habe ich ihm gerne verziehen.
Benedict Wells
»Fast genial«
Diogenes, 336 Seiten, 19,90 Euro
ISBN: 978-3257067897
Erschienen am 23. August 2011
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Freitag, 14. Dezember 2012
Freitag, 28. September 2012
Rezension – Olga Grjasnowa: »Der Russe ist einer, der Birken liebt«
Ich hielt das Börsenblatt in den Händen, am Tag, nachdem die Longlist für den Deutschen Buchpreis verkündet worden ist. Begierig blätterte ich weiter und weiter, bis ich endlich auf die ausführliche Besprechung aller nominierten Titel stieß. Mein Blick blieb sofort an einer Kandidatin hängen, die blass, zart und fast durchscheinend den Betrachter fixierte, die Lippen dunkelrot. Ich las die Zusammenfassungen und blieb wieder hängen – dieses Mal an ihrem Roman. Zwei Wochen später hielt ich ihn in den Händen und war gespannt, ob der Titel für die Shortlist oder vielleicht sogar für den Buchpreis taugen könnte.
Inhalt
Die Hauptfigur in Olga Grjasnowas Roman »Der Russe ist einer, der Birken liebt« heißt Maria, wird aber Mascha genannt. Sie ist sehr jung und ehrgeizig, möchte als Dolmetscherin Karriere bei der UNO machen, spricht Deutsch, Englisch, Französisch, Russisch und Arabisch, ist Jüdin, Aserbaidschanerin und lebt in Frankfurt. Sie wohnt mit Elias zusammen, den sie sehr liebt, aber auch auf Distanz hält. Es kommt zu Konflikten, weil Mascha ihm nichts von ihrer Kindheit in Aserbaidschan erzählen möchte und sich ihm immer mehr verschließt. Als Elias einen Unfall hat und nach langer Zeit an seinen Verletzungen stirbt, gerät die traumatisierte Mascha immer mehr außer Kontrolle, testet ihre Grenzen und verliert sich schließlich in ihrer Trauer auf der Flucht in Israel.
Meinung (Ohne Spoiler) Mitten im Buch musste ich irgendwann enttäuscht die Augen schließen. Nicht, weil die Geschichte mich nicht überzeugt hätte, unlesbar oder schlecht geschrieben wäre. Nein, weil ich begriff, dass die Autorin unmöglich auf die Shortlist kommen würde. Das Grundmotiv des Romans, die Sprachlosigkeit, ähnelte zu sehr derselben Sprachlosigkeit, wie ich sie in Kathrin Schmidts Roman »Du stirbst nicht« erlebt habe. Der einzige Unterschied? Bei Olga Grjasnowas Buch war die Sprachlosigkeit psychischer Natur, bei Schmidt körperlich.
Inhalt
Die Hauptfigur in Olga Grjasnowas Roman »Der Russe ist einer, der Birken liebt« heißt Maria, wird aber Mascha genannt. Sie ist sehr jung und ehrgeizig, möchte als Dolmetscherin Karriere bei der UNO machen, spricht Deutsch, Englisch, Französisch, Russisch und Arabisch, ist Jüdin, Aserbaidschanerin und lebt in Frankfurt. Sie wohnt mit Elias zusammen, den sie sehr liebt, aber auch auf Distanz hält. Es kommt zu Konflikten, weil Mascha ihm nichts von ihrer Kindheit in Aserbaidschan erzählen möchte und sich ihm immer mehr verschließt. Als Elias einen Unfall hat und nach langer Zeit an seinen Verletzungen stirbt, gerät die traumatisierte Mascha immer mehr außer Kontrolle, testet ihre Grenzen und verliert sich schließlich in ihrer Trauer auf der Flucht in Israel.
Meinung (Ohne Spoiler) Mitten im Buch musste ich irgendwann enttäuscht die Augen schließen. Nicht, weil die Geschichte mich nicht überzeugt hätte, unlesbar oder schlecht geschrieben wäre. Nein, weil ich begriff, dass die Autorin unmöglich auf die Shortlist kommen würde. Das Grundmotiv des Romans, die Sprachlosigkeit, ähnelte zu sehr derselben Sprachlosigkeit, wie ich sie in Kathrin Schmidts Roman »Du stirbst nicht« erlebt habe. Der einzige Unterschied? Bei Olga Grjasnowas Buch war die Sprachlosigkeit psychischer Natur, bei Schmidt körperlich.
Dennoch sog ich den Roman und seine Geschichte auf. Da ich selbst bilingual und wurzellos aufgewachsen bin, faszinieren mich solche Themen immer. Sprachen sind ein sehr spannendes Gebiet, und die Autorin treibt es hier auf die Spitze: Mascha erlebt schon früh die Macht der Sprache, wird Dolmetscherin, um sich wehren zu können, um nicht mehr sprachlos zu sein. Trotzdem kann sie nicht darüber sprechen, was sie in ihrer Kindheit im Kriegsgebiet erlebt hat. Sie baut zu allen eine Distanz auf und entfernt sich zunehmend vom Leser, ist nicht greifbar, ihre Reaktionen unberechenbar und immer unkontrollierter.
Indem sie immer genau das Gegenteil von dem tut, was sie eigentlich möchte, spürt man als Leser ihre Zerrissenheit: Sie möchte trauern, betäubt ihren Schmerz aber. Sie möchte zu UNO, verliert dieses Ziel und lässt sich auf eine schlechter gestellte Stellung in Israel ein. Sie möchte Frieden und ihre Freunde um sich haben, zieht aber in das ebenso zerrissene Kriegsgebiet Israel, weit weg von ihren Freunden, die für sie eigentlich Heimat bedeuten. Sie will Ruhe, ist aber keinem Streit abgeneigt, möchte ihr Trauma verarbeiten, fügt aber letztlich anderen durch ihr Verhalten immer wieder Schmerzen zu.
Und sie reflektiert nicht. Mascha erlebt und erlebt, ohne wirklich zu leben, ist rastlos und nicht vorhersehbar, wie auch die komplette Handlung. Olga Grjasnowa hat mit »Der Russe ist einer, der Birken liebt« ein wahnsinnig spannendes Debüt geschaffen. Lediglich ihre geschichtlichen Ausflüge fand ich anstrengend. Sie mischte alle Konflikte zusammen: Russen, Armenier, Aserbaidschaner, Libanesen, Israelis, Christen, Juden, Moslems und für meinen geringen Kenntnisstand zum Konflikt in Aserbaidschan waren die Erklärungen zu oberflächlich.
Meinung (mit Spoiler) Neben der Sprache war die Heimatlosigkeit ein Thema. Hier glänzte der Roman durch Humor im alltäglichen Rassismus und nachdenklichen Passagen. Einer der Gedanken, der mich berührt hat, war die Erklärung von Maschas bestem Freund Cem, warum er mit dem Dolmetscherstudium angefangen habe. Er dachte an den Tag zurück, als er sich zum ersten Mal anders gefühlt hatte, sich als Migrant gesehen hat. Es war der Tag, als ein junger Franzose zu ihm in die Klasse kam. Obgleich er kein Wort Deutsch sprach, wurde er von den Lehrerinnen umschwärmt. Den anderen Migranten in der Klasse traute man hingegen nicht mal den Sprung auf das Gymnasium zu.
Auch die Rollen, die Mascha immer wieder durch ihre Sprachen spielen konnte, waren spannend zu beobachten. Ihr libanesischer Dialekt wurde ganz erstaunt gelobt, traute man der hellhäutigen Aserbaidschanerin doch kein Arabisch zu. Und das sie als Jüdin kein Hebräisch, aber Arabisch sprach, verwirrte manch andere noch mehr und führte in Israel oft zu Konflikten.
Nicht alle Gedanken und Anekdoten sind originell – beispielsweise der Auffahrunfall in Frankfurt – doch andere Beschreibungen, Vergleiche und Schlussfolgerungen machten das wieder gut.
Fazit
Olga Grjasnowa hat mit »Der Russe ist einer, der Birken liebt« ein spannendes Debüt hingelegt, das für mich die spannenden Themen Sprachen, Sprachlosigkeit, Heimatlosigkeit und die Verarbeitung von Trauer aufgreift. Zudem rührt sie in einem bunten Potpourri aus fremden, exotischen Kulturen, Religionen, Ländern, geschichtlichen Ereignissen. Im Mittelpunkt steht Mascha, die unheimlich zerrissen ist und sich am Ende verliert. Ich halte es wie Elmar Krekeler in seiner Welt-Rezension: Auch ich möchte Mascha trösten und in den Arm nehmen, bin mir allerdings auch sicher, dass sie es weder wollen noch mögen würde.
Olga Grjasnowa
»Der Russe ist einer, der Birken liebt«
Carl Hanser Verlag, 288 Seiten, 18,90 Euro
ISBN: 978-3446238541
Erschienen am 06.Februar 2012
Und sie reflektiert nicht. Mascha erlebt und erlebt, ohne wirklich zu leben, ist rastlos und nicht vorhersehbar, wie auch die komplette Handlung. Olga Grjasnowa hat mit »Der Russe ist einer, der Birken liebt« ein wahnsinnig spannendes Debüt geschaffen. Lediglich ihre geschichtlichen Ausflüge fand ich anstrengend. Sie mischte alle Konflikte zusammen: Russen, Armenier, Aserbaidschaner, Libanesen, Israelis, Christen, Juden, Moslems und für meinen geringen Kenntnisstand zum Konflikt in Aserbaidschan waren die Erklärungen zu oberflächlich.
Meinung (mit Spoiler) Neben der Sprache war die Heimatlosigkeit ein Thema. Hier glänzte der Roman durch Humor im alltäglichen Rassismus und nachdenklichen Passagen. Einer der Gedanken, der mich berührt hat, war die Erklärung von Maschas bestem Freund Cem, warum er mit dem Dolmetscherstudium angefangen habe. Er dachte an den Tag zurück, als er sich zum ersten Mal anders gefühlt hatte, sich als Migrant gesehen hat. Es war der Tag, als ein junger Franzose zu ihm in die Klasse kam. Obgleich er kein Wort Deutsch sprach, wurde er von den Lehrerinnen umschwärmt. Den anderen Migranten in der Klasse traute man hingegen nicht mal den Sprung auf das Gymnasium zu.
Auch die Rollen, die Mascha immer wieder durch ihre Sprachen spielen konnte, waren spannend zu beobachten. Ihr libanesischer Dialekt wurde ganz erstaunt gelobt, traute man der hellhäutigen Aserbaidschanerin doch kein Arabisch zu. Und das sie als Jüdin kein Hebräisch, aber Arabisch sprach, verwirrte manch andere noch mehr und führte in Israel oft zu Konflikten.
Nicht alle Gedanken und Anekdoten sind originell – beispielsweise der Auffahrunfall in Frankfurt – doch andere Beschreibungen, Vergleiche und Schlussfolgerungen machten das wieder gut.
Fazit
Olga Grjasnowa hat mit »Der Russe ist einer, der Birken liebt« ein spannendes Debüt hingelegt, das für mich die spannenden Themen Sprachen, Sprachlosigkeit, Heimatlosigkeit und die Verarbeitung von Trauer aufgreift. Zudem rührt sie in einem bunten Potpourri aus fremden, exotischen Kulturen, Religionen, Ländern, geschichtlichen Ereignissen. Im Mittelpunkt steht Mascha, die unheimlich zerrissen ist und sich am Ende verliert. Ich halte es wie Elmar Krekeler in seiner Welt-Rezension: Auch ich möchte Mascha trösten und in den Arm nehmen, bin mir allerdings auch sicher, dass sie es weder wollen noch mögen würde.
Olga Grjasnowa
»Der Russe ist einer, der Birken liebt«
Carl Hanser Verlag, 288 Seiten, 18,90 Euro
ISBN: 978-3446238541
Erschienen am 06.Februar 2012
Mittwoch, 19. September 2012
Bibliophile Momentaufnahmen – Kalenderwoche 38
Letzte Woche war ich verreist. Am Vormittag, bevor das wilde Kofferpacken losging, stürmte ich erst zum Friseur, dann in den Buchladen, dann zur Arbeit, dann zur Weihnachtsfeier.
Die neue Frisur war nötig für die Hochzeit am Wochenende, die Arbeit war hektisch und spannend. Das erste Mal musste ich für meine Jobs mehrere Urlaubsübergaben organisieren. Und die Weihnachtsfeier meiner Redaktion, die fällt immer in den Sommer. Für das Team ist die Zeit des Sommerlochs doch wesentlich besser geeignet für eine Weihnachtsfeier als der Dezember an sich, mit seinen vielen Festen, Feiern und Gottesdiensten, zu denen wir in der kalten Jahreszeit gehetzt eilen.
Und der Buchladen? Der war dringend nötig, denn eigentlich hatte ich mich unsäglich geärgert. Darüber, dass ich beim großen Online-Händler bestellt habe, weil ich dachte, ich würde es nicht mehr in die Stadt zum Einkaufen in den Buchladen schaffen. Aber da Amazon derzeit nicht mehr pünktlich liefert, kam mein Urlaubsbuch nicht rechtzeitig an (an dem Vormittag war der dritte Tag um, ohne das eine Versandbestätigung kam). Ich war selbst Schuld und mag mich nicht in die Reihe von Lesern einreihen, die nur am Jammern sind, weil die DHL-Boten nicht kommen (von Hermes sprechen wir mal lieber nicht). Stattdessen hoffte ich, mein Exemplar spontan doch noch im Buchladen mitnehmen zu können, um die Amazon-Bestellung grimmig zu stornieren.
Mein Wunschbuch hatten sie nicht im Regal, dafür aber zwei andere Bücher, denen ich nicht widerstehen konnte. Und so kam es, dass ich das erste Mal seit Jahren (!) einen ungeplanten, undurchdachten Bucheinkauf tätigte, ohne mich vorab online über die Bewertungen zu informieren. Und es war so schön, sich einfach durch die bekannten Abteilungen durch die bekannten Angebote treiben zu lassen, das mitnehmend, was ohnehin schon länger auf der unendlich langen Liste der Wunschbücher im Kopf hartnäckig prangt. Ohne Stress, ohne Ärger, ohne auf die Konsequenzen zu achten. Ein hemmungsloser Lustkauf, entspannend und herrlich Urlaubseinstimmend. Das werde ich ab jetzt jedes Mal vor dem Kofferpacken erledigen. Das Ergebnis jedenfalls ist ein Erfolg: Meine Urlaubsbücher sind schon längst verschlungen und Geschichte.
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