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Montag, 2. Juli 2012

Veranstaltung – AKEP-Jahrestagung und Berliner Buchtage 2012


Alle eilten sie letzte Woche nach Berlin. So wie im Frühjahr die große Wanderung nach Leipzig und im Herbst nach Frankfurt einsetzt, so zieht es inzwischen viele Buchbranchenmitglieder zur AKEP-Jahrestagung (Arbeitskreis Elektronisches Publizieren) und anschließend zu den Berliner Buchtagen. Wegen protoTYPE, dem Innovationsprojekt des Forum Zukunft vom Börsenverein des Deutschen Buchhandels, klingelte am Mittwoch um kurz vor fünf Uhr morgens mein Wecker. Obwohl ich an vielen tollen Programmpunkten nicht teilnehmen konnte, gebe ich hier einige meiner Eindrücke ausführlich wieder.


Die komplette Tagung fand im Berliner Congress Center (bcc) in Mitte statt. Ich residierte zwei Nächte ein bisschen die Straße weiter runter im Motel One in der Leipziger Straße. Zuerst war ich begeistert: Das tolle Design, der Ausblick aus dem achten Stock in Richtung Fernsehturm und meinem geliebten Roten Rathaus. Doch irgendwie nervte mich der Aufenthalt im Motel One irgendwann nur! (Achtung! Ab hier Hotelschelte und Offtopic! Ich bekam meine Eingangstür kaum auf, die Badezimmertür fiel ständig zu, ich musste mein Wlan selbst bezahlen, weil ich das Frühstück nicht mitbuchte (obwohl auf meiner Rechnung OHNE Frühstück das Wlan inklusiv war), beim Einstecken der Karte ging nicht nur die komplette Beleuchtung an, sondern auch der Fernseher mit den grusligen Fischen und ich musste das Gerät jedes Mal mehrmals ausschalten, bevor es wirklich aus blieb. Das Schlimmste jedoch war die Handtuch-Aktion des Hotels: Ich hängte brav meine Handtücher an die Haken und warf sie nicht in die Dusche. Das signalisierte, dass ich sie wiederverwenden wollte und das Hotel rühmte sich für sein Umweltengagement. Die Handtücher wechselten sie trotzdem und hinterließen mir drei Neue mit fetten, schwarzen Haaren darauf. Schön, wenn Marketing-Ideen auf die Realität knallen.)


Den Vormittag verbrachte ich leider im Zug und ärgerte mich darüber, einen tollen Vortrag und eine Diskussion verpasst zu haben: Sascha Lobo nahm sich die Zukunft des Buchstabenverkaufs vor und möchte mit einem eigenen Verlag alles besser machen. Außerdem diskutierten Autoren, Verleger, Blogger, Leser und Piraten zur Internet-Piraterie. Für die offene Diskussion ohne moralischen Zeigefinger gab es im Nachhinein viel Lob. Ich schneite nach meinem Check-In während des gemeinsamen Mittagessens im bbc ein. Den restlichen Nachmittag widmete ich meinem protoTYPE-Projekt, das mein Team dem Fachpublikum vorstellte. Es war spannend zu sehen, dass eine Idee Anklang findet und viele Firmen und zukünftige Nutznießer großes Interesse zeigten. Während unserer Vorstellung liefen parallel Room-Sessions zu verschiedenen Themen ab: Selfpublishing als Konkurrenz für Verlage, Transmedia-Storytelling, DRM und Urheberrechtsverfolgung, nationaler und internationaler E-Book-Vertrieb, das E-Book-Upgrade von HTML 5 bis EPUB 3.0, die Vorstellung der E-Book-Studie 2012, die Filesharing-Welt für Verlage und das Wasserzeichen als weiches DRM-Modell. Ich hätte in fast jeden Vortrag gerne reingehört und hoffe, bald Zeit zu finden, die vielen hochgeladenen Folien der Vorträge nachzuarbeiten. Vielleicht lassen sich manche der Redner vielleicht nächstes Jahr auf das Buchcamp in Frankfurt ein?


Am späten Nachmittag fanden die Kommissionssitzungen der AKEP-Tagung statt. Ich verzichtete und wagte mich mit RK hinaus zum Alex – Abenteuer Schuhe einkaufen. RK hatte nur Ballerinas dabei und es regnete in Berlin fast ohne Unterbrechungen. Den AKEP-Empfang im Theodor Tucher am Brandenburger Tor sparten wir uns beide: Selbst vergünstigt war der Eintritt uns als Studentinnen noch viel zu viel. Stattdessen verkrümelten wir uns zu einem Thailänder (Thai Inside) und teilten uns ein Vier-Gänge-Menü, das einfach unglaublich schmeckte. Ich esse gerne sehr, sehr langsam und genieße meine Mahlzeit in vollen Zügen: Insgesamt quasselten und dinierten wir mehr als drei Stunden dort, bevor für uns die Nacht einholte. 


Der Donnerstag war für mich ein Tag voller Entdeckungen. Ich erkundete zunächst die Strecke Motel One – Edeka – Spree – Rotes Rathaus – bcc für mich, ein guter Fußweg von einer viertel Stunde. Irgendwie verquatschte ich mich am Morgen mit RK, KR und dem wichtigen Verleger WAB und versäumte die Eröffnungsrede von Prof. Dr. Gottfried Honnefelder, dem Vorsteher des Börsenvereins, zu den Buchtagen 2012 (nicht schade), den Vortrag von Michael Krüger, dem Geschäftsführer des Carl Hanser Verlages (schade!) und sogar die Urheberrechtsdebatte mit Sibylle Lewitscharoff, Imre Török, Helge Malchow und Matthias Spielkamp (Argh! Es lagen falsche Flyer rum). Nach der Mittagspause gab es leider wieder zwei große Themenblöcke mit Vorträgen, die parallel angeboten wurden: Einmal vom Börsenverein und einmal vom Nachwuchsparlament organisiert. Ich entschied mich für die Round Table Discussions der Nachwüchsler und fand mich stiefmütterlich im Keller wieder: An neun Tischen wurde jeweils 25 Minuten zu einem Fachthema debattiert. Wie beim Speeddating wechselten die Teilnehmer die Tische nach Wahl, wenn die Zeit abgelaufen war. Zuerst schnappte ich mir einen Platz beim Thema »Was ist Social Media im Verlag heute und was wird es in Zukunft sein müssen?«. Der Redner TZ der Agentur vm-people war richtig toll und inspirierend, die Gruppe eher nicht (»Welche Strategie verfolgt Ihr Verlag auf facebook?« – »Ähm, keine?«). Vom zweiten Tisch erhoffte ich mir spannende Theorien (»Sind E-Books nur elektronische Nebenprodukte des Buchs oder begründen sie längst ein eigenes Medium?«), allerdings begann und endete die Diskussion mit der bahnbrechenden Erkenntnis, dass man das Buch anfassen kann. Und das E-Book nicht. Ich hoffe, das war die letzte Diskussion über die unglaubliche Materialität des Buches, die ich mir anhören musste. Sonst explodieren mir die Ohren. Wirklich.
Ich flüchtete von den Round Tables und beschloss, mich in einen der fünf vom Börsenverein organisierten Vorträge hineinzuschleichen. Ich entschied mich für »Buchmarketing: Möglichkeiten des Erfolgs«, einer Präsentation des Hauptgeschäftsführers des Börsenvereins, Alexander Skipis. Spannendes Thema, kompetente Person – das dachte ich, als ich den Raum betrat. Es hätte mir einen Hinweis geben müssen, dass viele Zuhörer frühzeitig den Saal verließen. Nach zwei Minuten merkte ich, dass ich nicht mit aktuellen Theorien, spannenden Statistiken und innovativen Vorzeigebeispielen (z.B. aus den USA) verwöhnt werde. Ich fand mich in einer schlecht vorbereiteten Werbeveranstaltung wieder! Ich war entsetzt über den Tenor und auch über die Rückmeldungen der Zuhörer nach der Präsentation: Der Börsenverein wird drei Jahre lang eine Kampagne für das Buch machen. Für jeweils eine Millionen. Mehr konnte Skipis nicht sagen, da Informationen erst am nächsten Tag bekannt werden durften. Wie hat der Hauptgeschäftsführer mit diesem nichtssagenden Inhalt fast eineinhalb Stunden füllen können? Da half auch seine Entschuldigung zum Schluss nicht. Im Geiste überschlug ich in den letzten Minuten seines Vortrags die Kosten, die die Teilnehmer für die Buchtage ausgegeben haben und versuchte den Anteil auszurechnen, den diese Präsentation wohl bekommen haben mag.


Nach der Kaffeepause (übrigens: das Essen im bcc war großartig!) gab es Fachgruppenversammlungen. Ich schloss mich spontan einem der Exkursionen an, die das Nachwuchsparlament organisiert hat. Es ging zu wichtigen Verlagen und Buchhandlungen, für mich ging es zu ocelot. Ein Interview mit dieser tollen neuen Buchhandlung folgt hier im Blog noch. Am späten Nachmittag pilgerte ich ins Hotel und machte mich bereit für das Mitgliederfest im Umspannwerk in Kreuzberg. Da das Wetter hielt, pilgerte ich die drei Kilometer zu Fuß hin (Smartphone mit Fußgänger-Navigation sei dank!), fand mich im grünen Berlin wieder, dann beim Kottbusser Tor, dann bei einem Punk-Konzert, das gegenüber des Umspannwerks aus dem Asphalt gewachsen war. Das Mitgliederfest war gigantisch, ebenso diedas LocationEssenLeuteMusikPublicViewing. Um drei Uhr nachts war ich im Hotel, der Abend war für mich als Cola-Trinkerin sehr amüsant geworden.


Der Freitag, der letzte Tag für mich, begann viel zu früh um neun Uhr morgens mit einem Workshop mit TZ, ebenfalls organisiert vom Nachwuchsparlament. Alleine für diesen Vormittag hat sich die Fahrt nach Berlin gelohnt, der Workshop zum Thema Buchmarketing verfrachtete mich in ungeahnte Dimensionen, die für mich kreativinspirierendbahnbrechend waren und so einige Dämme in meinem Kopf geöffnet hat. Nach einigen Fallbeispielen folgten das Entwickeln eines eigenen Buchmarketing-Konzepts zu einem aktuellen Auftrag. Ich wusste, dass die Agentur uns zum Schluss eine komplett andere Lösungsmöglichkeit präsentieren würde und so war es auch. Aus dem Raum gespült, fand ich mich plötzlich in der Sitzung des Nachwuchsparlaments wieder. Als immer mehr Stimmen laut worden, die faire Arbeitsbedingungen, die Anerkennung der Leistung des Nachwuchses und eine stärkere Vernetzung mit den Arbeitgebern forderten, schnappte sogar ich mir das Mikrofon und stellte unser dazu passendes Projekt vor: BuchKarriere – Dein Platz in der Buchbranche. Nach dem Mittagessen und vielen Gesprächen, setzte ich mich noch in die Hauptversammlung des Börsenvereins, die zu dem Zeitpunkt schon vier Stunden lief. Die Hauptversammlung entpuppte sich für mich als schnöde Jahreshauptversammlung, die ich als Journalistin im Lokalzeitungsbereich jedes Jahr Dutzende Male durchlaufen muss. Meine eiserne Regel dazu: Je größer der Verein, desto länger und nerviger sind solche Sitzungen. Und die Wahrscheinlichkeit für übergenaue, naseweise Korinthenkacker steigt exponentiell. Ich hörte mir die Rede des Nachwuchssprechers TS an, der die Forderungen des Nachwuchses sehr eloquent und brav vortrug. Danach räumte ich den schönen Saal mit den runden Lichtern auf der Kuppel. Bevor der Zug nach Hause rollte, um mit mir gemeinsam das Deutschland-Spiel gegen die Griechen zu verpassen, schleckte ich am Alex lieber ein Eis, schlenderte zu Fuß mit EB zum Hauptbahnhof und kaufte mir dort der Tradition wegen eine Packung Krabben. Das war es für dieses Jahr. Nächstes Jahr hoffentlich mit mehr AKEP und weniger Buchtage für mich.


Montag, 25. Juni 2012

Diskussion im Frankfurter Literaturhaus – Die Zukunft unserer Sprache

Was habe ich mich amüsiert! Die Boulevard-Kritik war Unterhaltung pur! Es war die Rede von der »Welle aus Scheiße«, von Mist, von Plappermäulern und interessanten Beschäftigungen. Zum Beispiel den Tulpen beim Wachsen zusehen. Soviel zu meiner aufsehenerregenden, boulevardesken Einleitung, jetzt kommen erst einmal die Fakten.

Frankfurter Literaturhaus. Im Literaturkabinett mit den fliegenden Stiften. Dort gab es letzte Woche eine Diskussion zu einem spannenden Thema mit einem sperrigen Titel: »Literatur 2.0 oder Unsicherheitskompetenz – Zur Zukunft unserer Sprache in Büchern und Bits«. Ich bin nicht nur wegen dem Thema hingegangen, sondern auch wegen den Teilnehmern der Diskussion: Matthias Altenburg (Autor), Petra Gropp (Lektorin bei S. Fischer), Harald Hillgärtner (Medienwissenschaftler an der Goethe-Universität) und meine Lieblings-Leicanerin Andrea Diener (FAZ-Journalistin / Bloggerin).

Statt um Sprache drehte sich die Diskussion schnell in eine andere Richtung. Es ging vor allem um die gegenwärtige Literaturkritik, sei es im Feuilleton oder in der Blogosphäre. Nachdem der Verfall der Zeitungen festgestellt ( »Die besprechen sogar Krimis!«) und die Apokalypse in Homestories vorhergesagt wurde, ging es über zum allgemeinen (Online-) Kommunikationsüberdruss. Der Raum, in dem Bücher besprochen werden, sei öffentlicher und vielstimmiger geworden.
Klar, denn die Hürden, ein eigenes Blog anzulegen oder in einem der Verkaufsportale eine Rezension zu schreiben, sind äußerst gering. Was früher in Lesegesellschaften oder unter Freunden und Bekannten besprochen wurde, ist heute mit den richtigen Begriffen in der Suchmaschine nur einen Klick entfernt. Interessanterweise hat sich eine ganz eigene Struktur gebildet, wie eine Online-Rezension formal auszusehen hat. Altenburg, der Autor, beklagte allerdings, dass derzeit noch ein Raum für die Auseinandersetzung zwischen Autor, Leser und Verlag fehlen würde. Die Kommunikation sei auf verschiedenen Portalen und in der literaturaffinen Blogosphäre verstreut, und um die richtige Rezension zu finden, müsse man sich erst durch 99 Prozent Mist wühlen, um die ein Prozent guter Kritiker zu finden.

Doch was ist überhaupt lesbar? Wie sieht eine gute Rezension aus? Da musste die FAZ-Journalistin, die auch am Buchmessen-Klatschblatt mitschreibt, eine Antwort geben. Ist es der Stil, ist es der Inhalt? Es ist auf alle Fälle wesentlich mehr. Sie müsse lesbar sein, demnach anders als eine Seminararbeit, so Diener. Altenburg sprach sich im Feuilleton für den gerechten Verriss aus, der ihm lieber sei als jegliche Lobhuddelei. »Ein Buchkritiker sollte ganze Existenzen vernichten können. Das klingt schön!« Die Literaturkritik hat für ihn deshalb die Aufgabe eines Filters, die sie aber nicht erfüllt, denn die Auswahl stimme nicht mehr. Das Feuilleton sei aufgeweicht, habe aufgegeben und sich »für den ganzen Mist geöffnet«, und der Boulevard-Journalismus verdränge die ernsthafte Literaturkritik.

Ich persönlich fand diese Beobachtungen ziemlich interessant, nicht nur als Bloggerin. Mir kreisen mehrere Gedanken durch den Kopf, zu denen vor allem die Kommunikationsverdrossenheit gehört. Ist es wirklich so, dass den Menschen die Online-Kommunikation zuviel wird? Dass sie facebook überdrüssig werden? Oder ist das nur ein Gefühl der Generation, die nicht zu den Digital Natives gehört? Ich muss allerdings an einen Artikel denken, den ich bezüglich facebook gelesen habe: Das Netzwerk wird für viele User uninteressant, langweilig, die Nutzungszeit sinkt. Ist es generell nur eine facebook-Schelte und wird das Netzwerk bald durch ein anderes ersetzt? Oder geht es hier wirklich um Menschen, die der Online-Kommunikation überdrüssig sind?

Die Feuilletonkritik finde ich zu kurz gedacht. Wesentlich spannender ist die Frage, warum die Literaturkritik sich dort gerade wandelt. Joachim Unseld sprach bei meinem Besuch in der Frankfurter Verlagsanstalt einmal von einem Bruch, der tiefe Gräben zwischen dem Feuilleton auf der einen Seite und den Lesern und Abverkaufszahlen auf der anderen Seite schlägt. Garantierte eine Rezension in einer der großen überregionalen Tageszeitungen früher noch reisenden Absatz, reagiert heute kaum mehr ein Buchhändler darauf, weil einfach keine Reaktion erfolgt. Die Literaturkritik im Elfenbeinturm – genau das habe ich auch während meinen Praktika in Verlagen beobachtet. Mal schauen, wie sich alles in Zukunft entwickeln wird.

Spannend ist auch die versteckte Blogger-Kritik: Klar gibt es viele schwarze Schafe, die ein Buch einerseits ganz doll traurig, andererseits aber richtig super finden. Oder einfach nur oberflächliche Kritiken schreiben, um Rezensionsexemplare abzugreifen. Aber haben diese Blogs wirklich eine Relevanz, die fürchtenswert wäre? Wer bestimmt überhaupt, wie eine gute Literaturkritik aussieht und geht die Schelte nicht auch ein bisschen in die Richtung der gelesenen Schundliteratur?

Ich selbst experimentiere gerade mit Rezensionen herum. Hut ab vor all meinen Mitbloggern, die seitenlange Rezensionen schreiben, doch lange Texte liest heute im Netz keiner mehr. Außer, es handelt sich um eine Kritik, die wirklich wichtig für jemanden persönlich ist, Stichwort: Lieblingsbuch. Deshalb versuche ich meine Texte möglichst knapp zu halten und stark zu strukturieren. Ich mag Zwischenüberschriften in Zeitungen überhaupt nicht (denke jedes Mal, dass ich dadurch nur gespoilert werde), deshalb kategorisiere ich meine Kritiken und fette essentielle Passagen, sodass alle meine Texte überflogen werden können.

Ich lese alles, wirklich jedes Genre. Durch mein Studium der Komparatistik habe ich in der Hinsicht wirklich viel erlebt und mein aktueller Stapel ungelesener Bücher würde so manchen Schmunzeln lassen. Doch ich rezensiere nicht jedes Buch, denn dafür ist mir meine Zeit zu schade. Allerdings habe ich eine Vorliebe für grottenschlechte Bücher, vornehmlich aktuelle Bestseller, die ich nach allen Regeln der Kunst gerne auseinandernehme, literaturwissenschaftlich betrachtet, um ihnen den schönen Schein zu nehmen. Ich bin halt gerne gemein.

Letztendlich ist das Internet, wie auch die Diskussionsteilnehmer im Frankfurter Literaturhaus festgestellt haben, eine Chance für Nischenliteratur. Bis dahin bleibt dem buchaffinen Leser einfach nur die Aufgabe, die Häppchen der gigantischen Auswahl einzuordnen und zu beurteilen. Hoffentlich sind wir dazu alle mündig genug.

Freitag, 13. April 2012

Leipziger Buchmesse 2012 – Innovationen

Die Zeit ist reif für Innovationen. Und wie gedeihen sie am besten? Erst einmal durch Förderung, dann durch Zusammenarbeit. Und genau diese Möglichkeit will der Börsenverein bzw. das Forum Zukunft schaffen. Die Stunde für die Aktion ProtoTYPE begann. Ich freute mich unheimlich auf die Aktion und war gespannt, was der sonst eher spröde und unflexible Börsenverein alles zustande bringen konnte. Auf einer Auftaktveranstaltung lernte ich als Teilnehmerin und Stipediatin der Aktion die ersten Teilnehmer kennen.


Auf der Podiumsdiskussion lobte man ProtoTYPE. Es sei eine Botschaft, so Leander Wattig, Berater und Blogger. Die Tendenz gehe hin zu Kooperationen; man würde stärker zusammen- und weniger hierarchisch arbeiten, um die Herausforderungen der Zukunft zu meistern. Zu demselben Schluss kam Cao Hung Nguyen vom EPIDU-Verlag. Es werde alles dynamischer. Betroffen ist derzeit davon vor allem der Buchhandel. Die Sortimenterin Kathrin Stürmer hoffte, mit Hilfe von ProtoTYPE neue Impulse setzen zu können. Auch bei den Verlagen seien Innovationen ein Thema, wusste Thomas Tacken vom Rowohlt Verlag zu berichten. Die größte Hürde seien oft die internen. »Es müssen Strategien gefunden werden, diese Strukturen aufzubrechen«, so Tacken. Sehr souverän trat die Veranstalterin Dorothee Werner auf. Sie sei für alle Ideen offen und freue sich darauf, den Wandel mitzugestalten.

Die Diskussion schlängelte sich um viele wage Themen: Es ging um Ideen und Kreativität und Pläne, welche Strategien sie fördern und welche sie verhindern. Es ging um den Wandel der Berufsbilder in den Verlagen, um Amazon und den Online-Buchhandel, um den Trekstore-Reader für den Buchhandel, die großen Ketten. Und immer wieder um den stationären, kleinen Buchhandel. Besonders traurig fand ich da den Moment, als es hieß, dass die Beratungskompetenz ins Web abwandert und somit der letzte große Vorteil der Buchhändler verloren geht. Der soziale Kontakt, ein Grundbedürfnis der Menschen, der da noch als Argument dagegen gehalten wird, muss gegen verkrustete Sortimenterstrukturen und die unglaublich gute Logistik von Amazon ankämpfen. Inmitten des Sterbens der Innenstädte. Traurig.

Was wünschten sich die Teilnehmer der Podiumsdiskussion, die zugleich entweder Experten oder Teilnehmer bei ProtoTYPE sind, von den zwei Tagen Workshop, die danach folgten? Konstruktive Gespräche, spannende Geschäftsmodelle, neue Kontakte, Austausch und der Wunsch, die Buchbranche glücklich zu machen.

Mittwoch, 29. Juni 2011

Nachwort – Pottermore

Es geisterte und spukte noch eine Weile in meinem Kopf herum: Dieses Gefühl, das etwas einfach nicht stimmt. Hast du, lieber Leser, es auch bemerkt? Als das Video erschien, in dem J.K. Rowling von ihrem neuen Projekt Pottermore berichtete, war ich zuerst total gebannt: Von der Idee, den möglichen Zusatzinformationen rund um die Potter-Welt, dem Community-Gedanken. Es ist eine ganz neue Möglichkeit, um E-Books zu vermarkten.

Und da passierte es: Aus der Rowling, die in meiner Kindheit wie eine mütterliche, bescheidene Mrs Weasley wirkte, ist eine Hermine Granger geworden. Allerdings eine, die nicht nur klug und streng ist, sondern auch kalt, ehrgeizig und irgendwie fies auf ihre Art und Weise. Perfekt hergerichtet, perfekt ausgeleuchtet mit einem klinisch reinen Gewissen. Kein Mensch, der mir unbedingt sympathisch ist. Und plötzlich zerfiel die Papierzauberei in ein fades Sony-Einerlei – und das Projekt hat einen bitteren Beigeschmack bekommen. Was ist passiert?

Freitag, 15. Oktober 2010

Buchmesse 2010 – Sprengt die Digitalisierung die Buchbranche?

Julia von dem Knesebeck (Bilandia), Bernd Sommerfeld (Buchhändler bei Lehmanns mit Schwerpunkt Informatik), Ines Wallraff (Random House Audio) und Leander Wattig (selbstständiger Berater und Blogger) – alle vier Redner auf dem Podium versprachen, allein schon wegen ihrer Qualifikation, eine spannende, offene und vor allem konkrete Diskussion zur Digitalisierungsfrage. Ich wurde nicht enttäuscht und erlebte einen Rundumschlag durch sämtliche Baustellen der Buchbranche.


Als Einleitung bediente man sich an der unnötigsten Standard-Frage schlechthin: Ist die Branche vorbereitet auf die Digitalisierung? »Leider wissen wir nicht, was auf uns zukommen wird. Man sagt der Buchbranche nach, dass sie sehr den alten Traditionen nachhängt. Deshalb habe ich den Wunsch, dass noch mehr experimentiert wird und Medientrends ausprobiert werden«, antwortete Leander Wattig. Der erfolgreiche Blogger hat jüngst das Netzwerk Ich mach was mit Büchern aufgebaut und betonte, dass die Schwarzweißmalerei der Branche schadet. Ein grundlegendes Problem sieht er darin, dass die Buchbranche sich zu sehr auf den eigenen, traditionellen Markt fixiert. »Heute braucht man ganz neue Fähigkeiten, um erfolgreich zu sein: der selbstverständliche Umgang mit neuer Software, Programmiersprachen etc. Wenn sich an der Einstellung nichts ändert, ernten Branchenfremde mit diesen Kenntnissen den Erfolg.«


Bernd Sommerfeld durfte die Frage beantworten, ob der Offline-Buchhandel verlieren wird. »Ja, er wird, allerdings ist der Buchhandel sehr bemüht, diesen Weg nicht einzuschlagen. Sie haben begriffen, dass nun nicht mehr das Buch, sondern die Dienstleistung im Vordergrund steht.« Als Beispiel führte Sommerfeld die Fachbuchhandlung Lehmanns an, die Kongresse organisiert und komplette Arztausstattungen anbietet.


Hörbücher sind ein junges Marktsegment der Branche. Ines Wallraff beantwortete die Frage, inwiefern der Audio-Bereich anders auf die Veränderungen der Branche reagiert. »Jeder Titel steht zunächst für sich selbst. Wir werten aus, welche Zielgruppe sich für das Produkt interessieren könnte und planen dann, ob es beispielsweise ein Hörspiel oder ein Hörbuch wird.« Sie ist der Überzeugung, dass das Buch sich nicht abschaffen wird. »Die Verlage fangen früh an, sich mit den Änderungen zu beschäftigen«, lobte sie und hat beobachtet, wie sich verschiedene Verlagsabteilungen gemeinsam mit der Digitalisierung auseinandersetzen und neue Strategien planen.


Julia von dem Knesebeck stellte heraus, dass die Kundenbeziehungen in den Mittelpunkt rücken. Die klassischen Geschäftsmodelle existieren weiter trotz neuer Web 2.0-Anwendungen. »Der Inhalt und die Kunden werden wichtig. Ein Account bei Facebook oder Twitter erweitern lediglich die Möglichkeiten. Es sind Tools, die jeder verwenden kann.« Das gesamte Paket ist entscheidend: »Der Informationskanal soll die Kunden dort abholen, wo sie sich befinden.«


Einig waren sich alle Diskussionsteilnehmer darin, dass das Sprengen im Veranstaltungstitel nichts negatives sein muss und vielleicht sogar etwas Notwendiges ist. »Eigentlich ist es eine Chance und vergrößert die Möglichkeiten für ein Geschäft. Egal ob Trailer oder E-Books: Die neuen Zusatzangebote sind dazu da, neue Kunden zu erreichen und alte zu behalten«, betonte Julia von dem Knesebeck.

Spannend wurde es bei der Frage, ob die Buchpreisbindung die Entwicklung der E-Books in Deutschland behindert. Leander Wattig stimmte dahingehend zu, dass das Verfügbarkeitskriterium bei E-Books erfüllt ist, sodass eine Buchpreisbindung für ihn fraglich ist. Bernd Sommerfeld sah eine andere Gefahr: »Die Entwicklung wird gehemmt, allerdings verliert das Digitale ohne die Preisbindung vielleicht seinen Wert.« Leander Wattig gab zu bedenken, dass auch die schlechten Lesegeräte ein Grund für die Zurückhaltung auf dem Markt sein könnten. Bei diesem Argument konnte ich mir ein heftiges Nicken nicht verkneifen. Seit eineinhalb Jahre halte ich den E-Reader-Markt im Auge, doch ein Gerät, das meinen Ansprüchen genügt, gibt es derzeit nicht. Darum warte ich wie viele andere Vielleser erst einmal ab. Die Frage nach dem Digital Rights Management lässt mich derzeit ebenfalls zurückschrecken. Leander Wattig schloss daher mit der Beobachtung: »Alle E-Reader sind derzeit noch nicht da, wo der Durchschnittsleser hin will.« Wahre Worte.

Ärger mit DRM kennt Bernd Sommerfeld und forderte einen so einfachen Zugang zu Büchern wie jetzt zur Musik. »Piraterie ist nur eine Reaktion auf einen legalen Markt, auf dem es keine guten Angebote gibt«, stimmte Leander Wattig ihm zu.

Montag, 11. Oktober 2010

Buchmesse 2010 – Der Buchmarkt im Jahr 2020


Experten und der Branchennachwuchs diskutierten auf der Frankfurter Buchmesse über den aktuellen Buchmarkt in Deutschland. Doch wie sehen sie die Zukunft des Buchhandels, beispielsweise für das Jahr 2020?

»Um 18.30 Uhr werde ich meine Buchhandlung schließen. Alles fährt sich selbst herunter und ein Weinkeller öffnet sich aus dem Boden für die ganze Belegschaft. So einen Feierabend will ich im Jahr 2020 erleben.«
(Viola Taube von der gleichnamigen Buchhandlung)

»Der Buchmarkt wird schrumpfen, sowohl bei den kleinen, als auch bei den großen Sortimentern. Wer jetzt wirtschaftlich nicht gut aufgestellt ist, wird große Probleme haben. Eine wichtige Aufgabe wird es sein, den Online- und stationären Buchhandel zusammen zu bringen. Schon jetzt hat die Online-Bestellung das Telefon abgelöst und die Kunden wollen ihre Ware nur noch im Handel abholen. Nun fragt sich nur, wie man die Klaviatur stellen muss.«
(Heinrich Riethmüller, Geschäftsführer der Osianderschen Buchhandlung und Vorsitzender des Sortimenter-Ausschusses und Mitglied des Vorstands des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels.)

»Ich finde die Schwarzmalerei für den Buchhandel nicht gut. Vor allem der qualifizierter Nachwuchs wird für den Markt in Zukunft sehr wichtig werden und da ist es eher problematisch, wenn kleine Buchhandlungen nicht ausbilden können oder wollen. Besonders wichtig ist die Fortbildung, doch leider sind viele Seminare für Auszubildende zu teuer – hier gibt es einigen Nachholbedarf. Und natürlich wird eine kleine Buchhandlung niemals eine Konkurrenz zu Amazon bilden können, aber sie sollten im Netz immerhin präsent sein.«
(Michelle Jelting, Auszubildende im Barsortiment Könemann)

»Ein Weinkeller würde mir auch Spaß machen. Generell sollte der Spaß im Mittelpunkt stehen. Ein weiteres Schlüsselwort wird Feedback sind. Natürlich mag lebenslanges Lernen etwas abgedroschen klingen, aber in Zukunft wird dies selbstverständlich sein und der Dialog zwischen den verschiedenen Generationen wird in den Vordergrund rücken. Denn nur durch einen Austausch werden sie voneinander lernen.«
Johannes-Christoph Beck (Auszubildender bei der Osianderschen Buchhandlung)

Buchmesse 2010 – Wahre Bücher!?


Es ist eine berechtigte Frage: Braucht man auf der Frankfurter Buchmesse eine Veranstaltung, die sich in den Vorzügen des Buches verliert? Warum nicht, dachte ich mir und nahm im Börsenblatt-Café Platz. Neben den Schokoladenkeksen waren auch die Gäste spannend: Börsenblatt-Redakteur Michael Roesler-Graichen quetschte Marina Krauth (Buchhandlung Felix Jud, Hamburg), Karin Schmidt-Friderichs (Verlag Hermann Schmidt) und Herbert Ullmann (Verlag h.f. ullmann) aus, warum die Leser selbst im digitalen Zeitalter nicht auf gedruckte Bücher verzichten könnten.

Schmidt-Friderichs betonte gleich am Anfang, dass es nicht immer ein Gegeneinander sein muss. »Der Kampf zwischen dem Druck und dem Digitalen wird zu sehr aufgebauscht.« Derzeit beobachtet die Verlegerin hochwertiger Bücher mit dem Schwerpunkt Typografie und Grafik, dass beide Bereiche sich gut ergänzen. Sie persönlich hat das Buch lieber in gedruckter Form in der Hand: Mit Fettflecken und handgeschriebenen Notizen, die sie Jahre später wieder aus dem Regal ziehen und neu entdecken kann.

Einen Blick aus der Perspektive einer Buchhändlerin steuerte Marina Krauth bei. Sie hat ihre Kunden einmal gefragt, ob sie in ihrem Laden E-Books erwarten würden. Als Reaktion erntete sie verzweifelte, verwirrte Blicke. »Doch langsam ist die Zeit reif für diesen neuen Markt, selbst wenn E-Books ein Buch niemals ersetzen werden können.«

Eine emotionalere Perspektive vertrat Herbert Ullmann. »Ein Buch ist ein bester Freund, der mit einem zusammen durch das Leben geht. Es unterstützt einen in schwierigen Zeiten.« Natürlich hat der Verleger sich mit E-Books auseinandergesetzt, aber ihm fehlt die Verlässlichkeit in der digitalen Version.


Nicht nur in der digitalen Version gibt es rasante Entwicklungen, auch das Buch in seiner gedruckter Version erlebt manche Erneuerung – nicht nur, wenn es beispielsweise um eine neue Schrift und eine noch lesefreundlichere Typografie geht. »Leider sparen viele Verlage zuerst in der Herstellung«, bedauerte Schmidt-Friderichs. Krauth stimmte ihr zu: »Auch aus Sicht der Kunden lohnt es sich, wieder zurück zu einer herstellerischen Qualität zu gehen.« Ullmann investiert gerne in die Herstellung, obwohl der zeitliche und finanzielle Aufwand sehr hoch seien. »Kunden schätzen allerdings besondere Bücher. Ein teurer Fotoband als E-Book wären ein persönliches Tschernobyl für sie.«


Das Fazit der Runde? Ein Miteinander des digitalen und des gedrucktes Buches sind toll, aber dazu gehört es auch, sich vom Referenzmedium Buch zu verabschieden. »Das ist vielleicht genau das Problem der Branche. Für E-Books muss man in anderen Kategorien denken, sonst ergreifen Branchenfremde erfolgreich die Chance, bei der Arbeit an einem neuen Medium mitzuwirken«, so Schmidt-Friderichs.

Donnerstag, 7. Oktober 2010

Buchmesse 2010 – Kooperationspartner oder Wettbewerber?



Auf der Frankfurter Buchmesse raunt es von allen Seiten auf die Fachbesucher ein: Digitalisierung, neue Vertriebswege, E-Books, Urheberrechte. Es sind Schlagwörter, die manchen Verleger die Stirn kräuseln lassen, andere Branchen hingegen wittern das große Geschäft. In einer Diskussionsrunde wurde das neue Vertriebsmodell von Google Editions kritisch begutachtet.

Anabella Weisl (Google Editions, München) stellte das Konzept vor. Im Mittelpunkt steht die Möglichkeit, Bücher online lesen zu können. Der Nutzer kauft das E-Book allerdings nicht, sondern erwirbt die Zugangsrechte für die komplette Datei, die in seiner virtuellen, persönlichen Bibliothek liegt. Er entscheidet dabei selbst, ob er das E-Book bei Google oder einem Händler seiner Wahl kauft. »Wir wollen den Nutzern diese Option lassen, denn schließlich wählt er sich nicht nur den Händler aus, sondern auch den Service«, erklärte Weisl.

Bereits hier kann der neue Vertriebsweg, der von den Verlagen erst erschlossen werden muss, problematisch werden. Die Möglichkeit, die Bücher online lesen zu können, schreckt viele Verlage ab und treibt sie zum umstrittenen Kopierschutz. Weisl betonte, dass das Programm offen für neue Inhalte sei: »Es ist eine effiziente Vertriebsmöglichkeit, eine einfache Schnittstelle und eine große Chance für die Verlage.«