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Montag, 29. Oktober 2012

Deutscher Buchpreis 2012 – Die Preisverleihung


Dieser Tag war absolut verrückt. Schon früh morgens war ich unterwegs nach Frankfurt, um eine Ladung Visitenkarten für die Frankfurter Buchmesse abzuholen. Der Rückweg dauerte länger, denn die Bahn zickte solide wie verlässlich herum. Statt drei Stunden war ich mehr als vier Stunden unterwegs, natürlich hin und zurück und mit zwei Spaziergängen, dem Abholen, dem Drucken von Urkunden und mehr. Zu Hause musste ich schnell Essen, danach mit meiner Agentur in München Skypen, dann ging es wieder los. Nächste Station: Arzt und Friseur. Meine Lieblingsfriseurin hatte erst eine halbe Stunde später Zeit. Ich ging bummeln, bekam einen Anruf, konnte nicht drangehen, rief zurück: Meine Anfrage für ein Autoreninterview klappte. Ich sollte in etwas mehr als 24 Stunden ein Interview mit dem amerikanischen Bestseller-Autor Jeff Kinney bekommen. 15 Minuten, mit Fotos und natürlich auf Englisch. So langsam setzte kurz die Schnappatmung ein, die sich aber sofort wieder legte, als ich auf dem Friseurstuhl Platz nahm. Einmal nachschneiden und so richtig hübsch frisieren. Gäbe es dafür einen Anlass? Ja, in zwei Stunden ging mein überpünktlicher Zug los nach Frankfurt zum Römer, wo die Preisverleihung des Deutschen Buchpreises stattfinden sollte.


Im Friseursalon herrschte buchfremdes Publikum. Der Buchpreis war hier ein Fremdwort, die Buchmesse ebenfalls. Ich versuchte es mit verständlichen Worten: Es kämen viele Autoren aus aller Welt, um ihre Bücher zu vermarkten. Unter anderem auch Arnold Schwarzenegger. Vor Schreck hat mir meine Friseuse fast eine Strähne zuviel abgeschnitten. Mit solch einer Prominenz hat sie nicht gerechnet. Mit eine preisverleihungswürdigen Frisur huschte ich wenig später nach Hause, bügelte mein knallgrünes Kleid, warf mir meinen schwarzen Blazer drüber, packte meine Kamera, meine vier Objektive, meinen externen Blitz, fünf Akkus für die Kamera, acht Akkus für den Blitz als Reserve ein, dazu eine Bürste, einen Spiegel, Puder und Pinsel zum Nachbessern und den Dior-Lippenstift für besondere Anlässe. Dazu natürlich noch den genauen Ablauf des Nachmittags und die Einladungskarte. Alles passte, ich schaute auf die Uhr und eilte mich zum Bahnhof. Tief durchatmend. Und dann blass werdend saß ich im Zug und fragte mich, warum mir immer wieder in unregelmäßigen Abständen solche Anfängerfehler passierten: Ich hatte tatsächlich Stift und Kugelschreiber vergessen. Kaum in Frankfurt angekommen eilte ich zum Hugendubel, schnappte mir einen überteuerten Moleskine, verweigerte den Kauf eines rechteckigen Moleskine-Kugelschreibers, irrte umher und fand schließlich einen günstigen Stift, der schlecht schrieb. Der Abend konnte beginnen.


Beinahe ehrfürchtig betrat ich den Römer. Mein Blick viel sofort auf Stephan Thome, einem der Shortlist-Kandidaten, der überhaupt nicht aufgeregt erschien und vor der Tür wartete. Ich war absolut richtig hier. Schnell schob ich mich in das Rathaus, promt wurde ich von den zwei Türwärtern aufgehalten. Presse, murmelte ich und winkte mit meiner Einladungskarte. Sie ließen mich zur nächsten Kontrolle durch, mit skeptischen Blicken. Ich zweifelte an meiner Garderobe. Vielleicht hätte ich doch lieber das schwarze Kleid anziehen sollen? Nachdem mein Name auf der Gästeliste abgehakt war, stand ich plötzlich drinnen, ziemlich orientierungslos. Eine gewaltige Treppe führte nach oben, der türkisfarbene Banner des Buchpreises hing unter schweren, runden Leuchtkugeln. Zwei Pressetische versorgten mich mit eleganten Pressemappen.


Das ist also der Kaisersaal? Eine Freundin mit lustigem Wiener Dialekt nickte und wies mich auf das Prozedere hin. Durch die gewaltigen Fenster des Römers blitzten die Fachwerkhäuser hinter dem Justitia-Brunnen auf. Ich Kaisersaal starrten mich die Bildnisse der Kaiser an. Früher war hier ein Teil der städtischen Bibliothek untergebracht, bevor 1825 der Neubau fertiggestellt worden war. Nach der Renovierung wurden die Fenster hier vergrößert, die sich senkende Decke repariert und zusammen mit den Wänden und dem Fußboden ausgebessert, neu angestrichen und teilvergoldet. Es war ein schöner Saal, dem Anlass würdig. An den beiden Außenwänden unter den Gemälden war Platz für die Journalisten eingeräumt, innen fand fast 300 Menschen einen Sitzplatz. Die Bühne wirkte seltsam fehl am Platz. In einer halben Stunde sollte es so langsam losgehen.


Ich beschloss, meine Gedanken und Sachen zu ordnen. Ich sicherte mir einen der Stehtische, baute meine Kamera auf, entschied mich nach einem kurzen Blick in den Kaisersaal dann doch für das Teleobjektiv und den externen Blitz, überprüfte meinen Lippenstift, ging die Pressemappe durch und probierte meinen neuen Kugelschreiber und den Moleskine aus. Bald hielt ich Ausschau nach bekannten Gesichtern und entdeckte bald Heinrich Riethmüller, Gottfried Honnefelder, Hubert Winkels, den Jung und Jung-Verleger, Denis Scheck. Bald erspähte ich wieder Thome, Clemens J. Setz und Ursula Krechel. Eine SMS riss mich aus meinen Beobachtungen: Ich bekam die Login-Daten für den Twitteraccount der Jungen Verlagsmenschen.



Durfte ich schon rein? Dufte ich mir schon einen Platz aussuchen? Blieb ich links, blieb ich rechts? Bevor ich mich entscheiden mochte, lichtete ich lieber Ernst Augustin ab, einen weiteren Shortlist-Kandidaten, der trotz des hohen Alters nach Frankfurt gereist war und fleißig Interviews gab. Ich entschied mich für die linke Seite und setzte mich direkt neben einen Scheinwerfer, damit ich meine Tasche hinter der Lampe platzieren konnte. Torsten Casimir setzte sich mir schräg gegenüber hin und der Kaisersaal füllte sich. Ich sah wenig bekannte Gesichter, wenn dann vor allem junge und neben der üblichen Prominenz ein paar Berühmtheiten der Verlagsbranche. Ulla Unseld-Berkéwicz kam als eine der letzten und strahlte: Immerhin waren drei der Shortlist-Kandidaten aus ihrem Verlagshaus. Schließlich entdeckte ich alle Finalisten, mit Ausnahme von Wolfgang Herrndorf, der aus gesundheitlichen Gründen nicht an der Preisverleihung teilnehmen konnte.


Ich mochte fast alle Finalisten, doch zwei waren mir besonders ans Herz gewachsen: Zum einen Stephan Thome für seinen wundervollen, sprachlich spannenden Textauszug, zum anderen Ursula Krechel, die ich auf der Blind-Date-Lesereise zum Deutschen Buchpreis kennen lernen und schätzen durfte. Sie war der Lyrik-Szene entwachsen, kannte viele Leute und Verlage, die ich sehr mochte und hatte einen äußerst spannenden Text vorgestellt mit einem sehr wichtigen Thema. Als einzige Frau bei den Finalisten wollte ich insgeheim, dass sie gewann, auch wenn die Konkurrenz groß war.


Gottfried Honnenfelder hielt eine Begrüßungsrede und ging vor allem auf das Thema Mut ein. Er lobte den Mut der Jury, die so eine Auswahl für die Shortlist getroffen hatte. Darunter drei Autoren aus demselben Verlagshaus, einem Kandidaten, der bereits den Preis der Leipziger Buchmesse gewonnen hatte und einer Autorin, die aus einem kleinen Verlagshaus kam, das bereits vor zwei Jahren den Preis bekam. Die Jury wurde detailliert vorgestellt, die für den diesjährigen Buchpreis die besten Titel aus insgesamt 170 Büchern auswählten. Der diesjährige Schwerpunkt lag schlussendlich auf die Jahre des Nachkriegsdeutschlands. Bis zuletzt hat die Jury sehr kontrovers diskutiert und war sich uneinig über den Sieger.


Im Anschluss stellte in einem Film jedes Jurymitglied seinen Favoriten vor. Nach einem kurzen Einblick in das Buch, einem Textauszug, einem Kommentar des Autors folgte eine Interpretation des Jurymitglieds, warum gerade dieser Titel so weit gekommen ist. Der Sieger des Deutschen Buchpreises wurde pünktlich um 18.55 Uhr bekannt gegeben: Ursula Krechel für ihren Roman Landgericht, erschienen bei Jung und Jung.


Die Autorin, akribisch wie sie ist, hat eine geschrieben Rede vorbereitet, in der sie die aktuelle Thematik ihres Buches aufgriff. Ihre Worte gingen in einem Blitzlichtgewitter unter. Und plötzlich war der komplette Spuk vorbei, der Saal leer und die komplette Kamera- und Pressemeute folgte der Siegerin in den benachbarten Raum. Sie gab ein Interview nach dem anderen und es dauerte, bis ich sie bei der Feier im Erdgeschoss entdecken konnte. Ich dachte an den Presse- und Lesungsmarathon, der ihr in den nächsten Tagen noch bevorstand und bedauerte sie ein wenig. Wenn jemand eine schönschlimmere Messe gehabt hat als ich, dann auf alle Fälle sie. Hoffentlich war es nicht zu arg anstrengend gewesen.


Lange noch blieb ich auf der Feier und fotografierte viel und doch zu wenig, bevor ich mich durch die sehr guten Vorspeisen und die eher mittelmäßigen Hauptspeise wühlte. Sehr lecker hingegen war der alkoholfreie Cocktail, den mir die aufmerksame Kellnerin zauberte. Zwischen den Gesprächen blieb ein wenig Zeit, den Abend sacken zu lassen.


Ich hatte Angst gehabt, dass mich die Preisverleihung komplett desillusionieren würde. Dem war aber nicht so. Der Anteil an politischen Reden war erfrischend kurz, Honnefelder routiniert und die Kandidaten zügig und interessant vorgestellt. Der Moderator vermittelte gut und stellte lustige Fragen (Sind nicht alle Cover furchtbar hässlich in diesem Jahr?) und nicht zuletzt das Ergebnis stimmte mich positiv. Alles in allem war es eine sehr schöne Feier und ich freue mich schon, sie im nächsten Jahr vielleicht wieder besuchen zu dürfen, dieses Mal ein fester, arbeitender Bestandteil der Buchbranche.


Mittwoch, 17. Oktober 2012

Bibliophile Momentaufnahmen – Kalenderwoche 42


Lange Zeit blieb dieses Posting symbolisch leer. Nach der Frankfurter Buchmesse in diesem Jahr war ich total leer und müde und wurde auch noch ziemlich fies krank. Die Nachmesse-Grippe ist wohl doch kein Gerücht. Eigentlich habe ich die Momentaufnahme terminiert, um sie während den Messetagen zu füllen. Doch mein voller Terminkalender, Programmier- und Schreibnächten, nur drei bis vier Stunden Schlaf pro Nacht machten mir gründlich einen Strich durch die Rechnung.

Darum mag ich jetzt, zwei Wochen nach dem Ende der Messe, diese bibliophile Momentaufnahme mit etwas Schönem füllen, nämlich einem Augenblick, bevor der Sturm losging. Als ich noch wach, gesund und motiviert genug war, um die folgenden Messetage in Angriff zu nehmen. Derzeit bin ich nur noch müde und genervt von meinem Internetanbieter. Hoffentlich werden bald bessere Zeiten folgen.

Montag, 8. Oktober 2012

Deutscher Buchpreis 2012 – Livestream

Momentan stehe ich sehr aufgeregt vor dem Kaisersaal in Frankfurt und zum Glück ist nichts schlimmes passiert. Letzte Woche hatte ich einen sehr schlimmen Alptraum: Meine Bahn nach Frankfurt hatte zwei Stunden Verspätung (die Fahrt dauert normalerweise rund 25 Minuten), in der Innenstadt angekommen fand ich plötzlich den Römer nicht mehr und vor dem Kaisersaal angekommen stellte ich fest, dass ich meine Eintrittskarte für die Preisverleihung vergessen hatte. Ich bin ziemlich ängstlich aufgewacht.

Doch nun stehe ich hier, ab 17 Uhr ist der offizielle Einlass, ab 18 Uhr beginnt die Preisverleihung und ab 18.55 Uhr ist der ganze Spuk vorbei. Die Presse bekommt ab 17.15 Uhr die Möglichkeit für Fotos, ab 19 Uhr sind alle Preisträger und Stifter auf der Bühne im Kaisersaal.

Wer neugierig ist und mein Posting noch zeitig liest, der findet unter diesem Link den Livestream.

Ich bin unglaublich gespannt auf den Abend und fühle mich sehr geehrt, dass das Organisationsteam des Deutschen Buchpreises mir eine Pressekarte gegeben hat. Gerade weil die Brandschutzbestimmungen in diesem Jahr verschärft wurden, ist dies einfach  nur toll-toll-toll. Eine wunderbare Ausnahme.

Hoffentlich werde ich nicht allzu desillusioniert werden. Schließlich ist und bleibt die Preisverleihung eine Preisverleihung. Seit zehn Jahren berichte ich für Lokalzeitungen regelmäßig über trockene Jahreshauptversammlungen, langweilige politische Wahlen, langwierige Ehrungsabende, übervolle Mitgliederversammlungen und weitere Feste, bei denen Urkunden, Anstecknadeln, Pokale, Blumensträuße und Rotweinflaschen überreicht werden und bin deshalb ein wenig vorsichtig mit meinen Erwartungen. Aber hey, es ist der Deutsche Buchpreis und es sind wirklich sehr tolle Autoren ins Finale gekommen. So schlimm kann es also nicht werden.

Donnerstag, 4. Oktober 2012

Deutscher Buchpreis 2012 – Shortlist


Die Bekanntgabe der Shortlist ist zwar schon etwas länger her (12. September 2012), aber ich möchte Dir die Titel gerne näher vorstellen und selbst einen Tipp abgeben, wem ich am Montag die Daumen drücken werde ... und zwar direkt in Frankfurt. Im Römer. Im Kaisersaal. Uaah! Es ist mir gelungen, eine Pressekarte zu bekommen und ich freue mich unglaublich. Es ist mittlerweile das dritte Jahr, in dem ich über den Buchpreis hier im Blog berichte und seitdem habe ich viele tolle Momente erlebt (z.B. mit Melinda Nadj Abonji), tolle Lesungen gehört (z.B. von Ursula Krechel) und natürlich tolle Bücher kennen gelernt (z.B. von Olga Grjasnowa). Im Kaisersaal berichte ich am Montag aber in erster Linie für die Jungen Verlagsmenschen und freue mich unglaublich über die Ehre, bei der Preisverleihung anwesend sein zu dürfen. Mit Kamera, mit Stift und Notizblock bewaffnet. Darum beginnt für mich die Messewoche bereits am Montag, am Dienstag wird aufgebaut und ab Mittwoch habe ich einen unglaublich vollen Terminkalender. Hach, du schöne Frankfurter Buchmesse!

Doch nun zuerst zu den Nominierten, bevor ich gedanklich noch weiter in die Zukunft abschweife. An dieser Stelle empfehle ich noch einmal die kostenlose App vom Deutschen Buchpreis, die nicht nur Hör- sondern auch Leseproben von allen Kandidaten bereithält. 

Ernst Augustin: Robinsons blaues Haus (C.H. Beck, Januar 2012)
Briefform? Jedenfalls kommt gleich der Tod daher, der dem Ich-Erzähler im Zug begegnet und genügend Zeit lässt, seine Angelegenheiten zu klären. In einem Brief spricht er den Erben an, einen guten Freund, erinnert sich an seinen eigenen Vater, an seine Erzählungen vom Reichtum und fernen Ländern. Es gibt hübsche Anspielungen an das Dritte Reich, an einen Vater, der Scheitel und Schnurrbärtchen getragen hatte, dann nicht mehr, und der immer angepasst und zeitgemäß erschien. Man merkt dem Autor an, dass er das Phantastische mag und generell das Erzählen, denn schon die Leseprobe verliert sich zwischen der Realität und ungewöhnlichen Andeutungen.

Wolfgang Herrndorf: Sand (Rowohlt)
Diese Leseprobe hat mir viel Spaß bereitet. Sie fing ganz unschuldig mit einer Landschaftsbeschreibung an, so ungewöhnlich wie gegensätzlich, mit Mauern aus Fäkalschlamm und Tierkadavern, Batteriegehäusen und Plastikflaschen, irgendwo in Nordafrika in einer fiktiven Stadt namens Targat. Anschließend lernen wir Polidorio und Canisades kennen, zwei Kommissare, die im Laufe dieses Thrillers noch ermitteln werden. Wir lernen schon einmal den schrulligen Charakter von Polidorio kennen, der bei einem IQ-Test für Schulkinder seine eigene Durchschnittlichkeit erkennt (nur 102 und wesentlich schlechter als Canisades), während er betrunken Schneeballschlachten mit zerknülltem Papier und Aktenschrank-Verfolgungsjagden mit Canisades veranstaltet. 

Ursula Krechel: Landgericht (Jung und Jung)
Die Leseprobe beschreibt die Ankunft des jüdischen Juristen Richard Kornitzer nach dem Zweiten Weltkrieg. Er war im kubanische Exil und kehrt 1948 zurück nach Deutschland, zu seiner Frau. Später kommen auch die Kinder dazu, die während des Krieges in England aufgewachsen sind. Krechel beschreibt eine Ankunft, die nie eine sein wird, eine Heimat, die sich verändert hat, vor allem die Menschen darin. Sie macht dies in einer sehr genauen, unaufgeregten Sprache, die ich sehr spannend finde und die auch zu ihrer Idee passt, dass die Wut Kornitzer irgendwann von Innen heraus verzerrt. Es ist die Wut über ein unterbrochenes Leben, über ein Ereignis, das ihm alles genommen hat und nie wieder zurückgeben wird.

Clemens J. Setz: Indigo (Suhrkamp)
Surreal erscheint die Leseprobe, mit der wir konfrontiert werden: Der Ich-Erzähler sinniert während eines Spazierganges mit Julia über das komplexe gesellschaftliche Gefüge von Ratten, dann über die Entfremdung des Hundes hin zum Mensch und weg von seinen eigenen Artgenossen. In dem Roman selbst geht es um ein Internat, das von Kindern mit dem Indigo-Syndrom bewohnt wird. Jeder, der sich ihnen nähert, wird mit Kopfschmerzen und Übelkeit bestraft. Kurzweiliger Stil und keine typischen Dialoge, genau wie ich sie mag.

Stephan Thome: Fliehkräfte (Suhrkamp) 
Diese Leseprobe hatte lauter Sätze, die ich anmarkern und verinnerlichen und nie wieder vergessen wollte. Sie beschreibt den Philosophieprofessor Hartmut Hainbach, der in Paris Blumen kauft und sie der freiberuflichen Ethnologin Sandrine bringt. Ab hier lasse ich Thome selbst sprechen: »Es ist merkwürdig, berührt zu sein und es kaum spüren zu können. Als wäre er noch gar nicht da, sondern wartete gespannt auf sein Eintreffen. (...) Den ganzen Tag über war es, als stünde ihm ein Abenteuer bevor, nun wandern seine Blumen auf den Kühlschrank, weil sonst nirgendwo Platz ist. (...) Vielleicht hat er sich gestern ins Auto gesetzt, um desillusioniert zu werden.«

Ulf Erdmann Ziegler: Nichts Weißes (Suhrkamp)
Die Rahmenbedingungen, die mich am meisten reizten, fand ich in diesem Roman vor. Es geht um Titus Passeraub, den Meister der Typografie, der die Kosmos und nun die Tempi Novi erfunden hat, und es geht um Marleen, die junge Schrifterfinderin, die ihn in Paris besucht. Schon zu Beginn wird man eingetaucht in die Welt von Minuskeln, ultrafetten Versalien, der Helvetica und der Futura, mager, halbfett, fett, und beinahe schon verwandeln sich die Figuren ebenfalls in Drucklettern (»Sie saß da in ihren Stuhl gegossen und hörte ihm zu.«). Der Spannungsbogen wird unerträglich, zu gerne möchte ich weiter in diese Welt eintauchen.



Eine tolle Auswahl haben die Juroren in diesem Jahr für die Shortlist getroffen. Das spannendste Thema hat sich meiner Meinung nach Ursula Krechel gegriffen: Exil und Heimat neu beleuchtet, mit einer akribischen Sprache und spannenden Charakteren. Den tollsten Stil habe ich bei Stephan Thome inhaliert, allein bei der Leseprobe schon stockte ich bei mehreren Sätzen, weil ich sie einfach noch einmal lesen musste. Er verriet nicht zuviel, seine auf den ersten Blick normalen Figuren verhielten sich so gegensätzlich, dass man den Grund dafür herausfinden mag. Wunderbar, ganz fachlich als Buchwissenschaftlerin und begeisterte Buchstabenschieberin angetan, war ich von Ulf Erdmann Ziegler, der die spannendsten Rahmenbedingungen für einen Roman mit Potential geschaffen hat. Ein wenig zu flach und geschwätzig erschien mir der Text von Clemens J. Setz, ein wenig großväterlich Ernst Augustin. Und da wäre noch Wolfgang Herrendorf, dem jeder unbedingt den Preis abschwätzig machen möchte, da er bereits für eben diesen Roman mit dem Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichnet worden ist. Ganz unabhängig von diesem Argument sage ich: Sein Roman hat Potential, aber auch eine starke Konkurrenz. Ich bin sehr gespannt und freue mich unglaublich auf den Montag.

Dienstag, 2. Oktober 2012

Testbericht – Die App für den Deutschen Buchpreis


Für all diejenigen, die keine Buchhandlung mit den Leseproben vom Deutschen Buchpreis in der Nähe haben, dafür aber ein funktionsfähiges Smartphone, habe ich eine interessante Neuigkeit: Die App vom Deutschen Buchpreis ist mit jeder Menge Lese- und Hörproben gefüllt und wartet nur darauf, von Leseratten entdeckt zu werden. Was für Funktionen die kostenlose App hat, verrate ich Dir in diesem Posting.


Der Homescreen zeigt schon die wichtigsten Informationen auf einem Blick: Groß sind die Reiter mit den Themen »Preisträger«, »Shortlist« und »Longlist«  Diese Menüpunkte betreffen das laufende Buchpreisjahr und werden zeitversetzt aktualisiert. Die Shortlist wurde mit einigen Tagen Verspätung ergänzt, unter dem Punkt Preisträger versteckt sich die Ankündigung, dass der Sieger am 8. Oktober bekanntgegeben wird. Generell wäre hier in Zukunft eine Pushfunktion unglaublich praktisch – gerne dominant und laut wie bei der App von Spiegel Online bei Eilmeldungen oder Bundesligaspielen. Die Menüpunkte Short- und Longlist geben zunächst einen Überblick aller nominierten Titel. Nach dem Antippen gelangt man auf eine Übersichtsseite des Titels.


Zu sehen ist hier das Buchcover, der Titel, der Name des Schriftstellers, der Name des Verlags und die Verlinkung zu einer Hör- und Leseprobe. Etwas mysteriös ist die Angabe einer Uhrzeit darunter – sie steht allerdings für die Länge der eingebetteten Hörprobe. Die Daten werden nach dem Antippen runtergeladen. Einmal runtergeladene Daten bleiben gespeichert und müssen nicht jedes Mal neu gezogen werden. Schade ist, dass die Metadaten fehlen, neben Erscheinungsdatum vor allem die ISBN-Nummer, die Seitenzahl und eine Preisangabe. Das habe ich schon im Leseproben-Buch vermisst.


Richtig toll dagegen ist die Lesefunktion, da man hier verschiedene Einstellungen vornehmen kann. Die Helligkeit wird in drei Stufen geregelt (weiss, sepia, schwarz), die Schriftgröße kann größer und kleiner eingestellt werden und man hat die Wahl zwischen einer Serifen- und einer Groteskschrift. Wie diese Einstellungen dann im extremsten Fall auf dem Bildschirm aussehen könnten, habe ich im nächsten Bild dargestellt.



Auf der Übersichtsseite zum Buch ist auch die Möglichkeit gegeben, sich näher mit den Autoren zu beschäftigen. Neben einem Bild ist eine Kurzbiografie eingebunden. Was bei Krechel noch gut klappt und schön aussieht, hat bei Herrendorf nicht ganz funktioniert: In seiner Biografie sind alle Umlaute fehlerhaft als □ dargestellt.


Der Rest der App bietet eine gute Übersicht über den Buchpreis im Allgemeinen. Unter dem Punkt »Autoren« sind alle Personen mit einer Biografie alphabetisch aufgelistet, die jemals nominiert waren. Das »Archiv« umfasst einen Jahresüberblick seit 2008. In einer Übersichtsseite sind dort der Preisträger, die Short- und die Longlist aufgelistet. Falls verfügbar, ist bei den einzelnen Titeln ebenfalls eine Kurzbiografie, eine Lese- und eine Hörprobe eingebettet. Unter dem Navigationspunkt »Buchläden« ist eine Google-Karte eingebunden mit einer Auflistung von Buchläden. Zoomt man in die Karte hinein und wählt eine Sprechblase aus, werden die wichtigsten Daten aufgelistet: Name der Buchhandlung, Kontaktdaten und eine Mailadresse. Die Telefonnummer kann nicht angewählt werden, mit einem Tipp auf die Buchhandlung landet man stattdessen auf der Homepage der Buchhandlung. Die Liste ist keineswegs vollständig, was schade ist. Beispielsweise fehlt der Hugendubel in Frankfurt ganz (wie konnte dieser gigantische Laden nur vergessen werden?).

Fazit
Die App bietet viele tolle Funktionen, ist einfach und übersichtlich. Besonders toll ist die Lesefunktion mit vielen Einstellungsmöglichkeiten. Die Einbettung der Google-Karte ist zwar praktisch, aber unvollständig und ich frage mich, was sie mit dem Buchpreis zu tun hat. Da wäre ein separater, vollständiger Einkaufsführer interessanter, verbunden mit dem GPS, um Buchläden in der Nähe vom Standort orten zu können. Dringend nachzuliefern wäre eine Pushfunktion (Bitte!) und ein etwas stabileres System: Die App stürzt mir bei jedem zweiten Aufruf ab und zwischendurch auch immer mal wieder. Auch könnte sie schneller laden (derzeit 19 Sekunden!).


Freitag, 28. September 2012

Rezension – Olga Grjasnowa: »Der Russe ist einer, der Birken liebt«

Ich hielt das Börsenblatt in den Händen, am Tag, nachdem die Longlist für den Deutschen Buchpreis verkündet worden ist. Begierig blätterte ich weiter und weiter, bis ich endlich auf die ausführliche Besprechung aller nominierten Titel stieß. Mein Blick blieb sofort an einer Kandidatin hängen, die blass, zart und fast durchscheinend den Betrachter fixierte, die Lippen dunkelrot. Ich las die Zusammenfassungen und blieb wieder hängen – dieses Mal an ihrem Roman. Zwei Wochen später hielt ich ihn in den Händen und war gespannt, ob der Titel für die Shortlist oder vielleicht sogar für den Buchpreis taugen könnte.



Inhalt 
Die Hauptfigur in Olga Grjasnowas Roman »Der Russe ist einer, der Birken liebt« heißt Maria, wird aber Mascha genannt. Sie ist sehr jung und ehrgeizig, möchte als Dolmetscherin Karriere bei der UNO machen, spricht Deutsch, Englisch, Französisch, Russisch und Arabisch, ist Jüdin, Aserbaidschanerin und lebt in Frankfurt. Sie wohnt mit Elias zusammen, den sie sehr liebt, aber auch auf Distanz hält. Es kommt zu Konflikten, weil Mascha ihm nichts von ihrer Kindheit in Aserbaidschan erzählen möchte und sich ihm immer mehr verschließt. Als Elias einen Unfall hat und nach langer Zeit an seinen Verletzungen stirbt, gerät die traumatisierte Mascha immer mehr außer Kontrolle, testet ihre Grenzen und verliert sich schließlich in ihrer Trauer auf der Flucht in Israel.

Meinung (Ohne Spoiler) Mitten im Buch musste ich irgendwann enttäuscht die Augen schließen. Nicht, weil die Geschichte mich nicht überzeugt hätte, unlesbar oder schlecht geschrieben wäre. Nein, weil ich begriff, dass die Autorin unmöglich auf die Shortlist kommen würde. Das Grundmotiv des Romans, die Sprachlosigkeit, ähnelte zu sehr derselben Sprachlosigkeit, wie ich sie in Kathrin Schmidts Roman »Du stirbst nicht« erlebt habe. Der einzige Unterschied? Bei Olga Grjasnowas Buch war die Sprachlosigkeit psychischer Natur, bei Schmidt körperlich.

Dennoch sog ich den Roman und seine Geschichte auf. Da ich selbst bilingual und wurzellos aufgewachsen bin, faszinieren mich solche Themen immer. Sprachen sind ein sehr spannendes Gebiet, und die Autorin treibt es hier auf die Spitze: Mascha erlebt schon früh die Macht der Sprache, wird Dolmetscherin, um sich wehren zu können, um nicht mehr sprachlos zu sein. Trotzdem kann sie nicht darüber sprechen, was sie in ihrer Kindheit im Kriegsgebiet erlebt hat. Sie baut zu allen eine Distanz auf und entfernt sich zunehmend vom Leser, ist nicht greifbar, ihre Reaktionen unberechenbar und immer unkontrollierter.


Indem sie immer genau das Gegenteil von dem tut, was sie eigentlich möchte, spürt man als Leser ihre Zerrissenheit: Sie möchte trauern, betäubt ihren Schmerz aber. Sie möchte zu UNO, verliert dieses Ziel und lässt sich auf eine schlechter gestellte Stellung in Israel ein. Sie möchte Frieden und ihre Freunde um sich haben, zieht aber in das ebenso zerrissene Kriegsgebiet Israel, weit weg von ihren Freunden, die für sie eigentlich Heimat bedeuten. Sie will Ruhe, ist aber keinem Streit abgeneigt, möchte ihr Trauma verarbeiten, fügt aber letztlich anderen durch ihr Verhalten immer wieder Schmerzen zu.

Und sie reflektiert nicht. Mascha erlebt und erlebt, ohne wirklich zu leben, ist rastlos und nicht vorhersehbar, wie auch die komplette Handlung. Olga Grjasnowa hat mit »Der Russe ist einer, der Birken liebt« ein wahnsinnig spannendes Debüt geschaffen. Lediglich ihre geschichtlichen Ausflüge fand ich anstrengend. Sie mischte alle Konflikte zusammen: Russen, Armenier, Aserbaidschaner, Libanesen, Israelis, Christen, Juden, Moslems und für meinen geringen Kenntnisstand zum Konflikt in Aserbaidschan waren die Erklärungen zu oberflächlich.

Meinung (mit Spoiler) Neben der Sprache war die Heimatlosigkeit ein Thema. Hier glänzte der Roman durch Humor im alltäglichen Rassismus und nachdenklichen Passagen. Einer der Gedanken, der mich berührt hat, war die Erklärung von Maschas bestem Freund Cem, warum er mit dem Dolmetscherstudium angefangen habe. Er dachte an den Tag zurück, als er sich zum ersten Mal anders gefühlt hatte, sich als Migrant gesehen hat. Es war der Tag, als ein junger Franzose zu ihm in die Klasse kam. Obgleich er kein Wort Deutsch sprach, wurde er von den Lehrerinnen umschwärmt. Den anderen Migranten in der Klasse traute man hingegen nicht mal den Sprung auf das Gymnasium zu.

Auch die Rollen, die Mascha immer wieder durch ihre Sprachen spielen konnte, waren spannend zu beobachten. Ihr libanesischer Dialekt wurde ganz erstaunt gelobt, traute man der hellhäutigen Aserbaidschanerin doch kein Arabisch zu. Und das sie als Jüdin kein Hebräisch, aber Arabisch sprach, verwirrte manch andere noch mehr und führte in Israel oft zu Konflikten.

Nicht alle Gedanken und Anekdoten sind originell – beispielsweise der Auffahrunfall in Frankfurt – doch andere Beschreibungen, Vergleiche und Schlussfolgerungen machten das wieder gut.

Fazit 
Olga Grjasnowa hat mit »Der Russe ist einer, der Birken liebt« ein spannendes Debüt hingelegt, das für mich die spannenden Themen Sprachen, Sprachlosigkeit, Heimatlosigkeit und die Verarbeitung von Trauer aufgreift. Zudem rührt sie in einem bunten Potpourri aus fremden, exotischen Kulturen, Religionen, Ländern, geschichtlichen Ereignissen. Im Mittelpunkt steht Mascha, die unheimlich zerrissen ist und sich am Ende verliert. Ich halte es wie Elmar Krekeler in seiner Welt-Rezension: Auch ich möchte Mascha trösten und in den Arm nehmen, bin mir allerdings auch sicher, dass sie es weder wollen noch mögen würde.

Olga Grjasnowa
»Der Russe ist einer, der Birken liebt«
Carl Hanser Verlag, 288 Seiten, 18,90 Euro
ISBN: 978-3446238541
Erschienen am 06.Februar 2012

Mittwoch, 19. September 2012

Bibliophile Momentaufnahmen – Kalenderwoche 38


Letzte Woche war ich verreist. Am Vormittag, bevor das wilde Kofferpacken losging, stürmte ich erst zum Friseur, dann in den Buchladen, dann zur Arbeit, dann zur Weihnachtsfeier.

Die neue Frisur war nötig für die Hochzeit am Wochenende, die Arbeit war hektisch und spannend. Das erste Mal musste ich für meine Jobs mehrere Urlaubsübergaben organisieren. Und die Weihnachtsfeier meiner Redaktion, die fällt immer in den Sommer. Für das Team ist die Zeit des Sommerlochs doch wesentlich besser geeignet für eine Weihnachtsfeier als der Dezember an sich, mit seinen vielen Festen, Feiern und Gottesdiensten, zu denen wir in der kalten Jahreszeit gehetzt eilen.

Und der Buchladen? Der war dringend nötig, denn eigentlich hatte ich mich unsäglich geärgert. Darüber, dass ich beim großen Online-Händler bestellt habe, weil ich dachte, ich würde es nicht mehr in die Stadt zum Einkaufen in den Buchladen schaffen. Aber da Amazon derzeit nicht mehr pünktlich liefert, kam mein Urlaubsbuch nicht rechtzeitig an (an dem Vormittag war der dritte Tag um, ohne das eine Versandbestätigung kam). Ich war selbst Schuld und mag mich nicht in die Reihe von Lesern einreihen, die nur am Jammern sind, weil die DHL-Boten nicht kommen (von Hermes sprechen wir mal lieber nicht). Stattdessen hoffte ich, mein Exemplar spontan doch noch im Buchladen mitnehmen zu können, um die Amazon-Bestellung grimmig zu stornieren.

Mein Wunschbuch hatten sie nicht im Regal, dafür aber zwei andere Bücher, denen ich nicht widerstehen konnte. Und so kam es, dass ich das erste Mal seit Jahren (!) einen ungeplanten, undurchdachten Bucheinkauf tätigte, ohne mich vorab online über die Bewertungen zu informieren. Und es war so schön, sich einfach durch die bekannten Abteilungen durch die bekannten Angebote treiben zu lassen, das mitnehmend, was ohnehin schon länger auf der unendlich langen Liste der Wunschbücher im Kopf hartnäckig prangt. Ohne Stress, ohne Ärger, ohne auf die Konsequenzen zu achten. Ein hemmungsloser Lustkauf, entspannend und herrlich Urlaubseinstimmend. Das werde ich ab jetzt jedes Mal vor dem Kofferpacken erledigen. Das Ergebnis jedenfalls ist ein Erfolg: Meine Urlaubsbücher sind schon längst verschlungen und Geschichte.

Freitag, 31. August 2012

Deutscher Buchpreis 2012 – Blind-Date-Lesereise


Gespannt fuhr ich am Dienstag nach Frankfurt. Da ich morgens keinen Kaffee getrunken hatte, nahm ich mir bei der Zugfahrt-Planung vor, mir die S-Bahn, die U-Bahn, den Bus zu schnappen, der eine Viertelstunde vor der Lesung ankommen sollte. Ich wollte nämlich nicht 40 Minuten zu früh auf dem Gelände rumkrebsen. Warum ich diese Gedanken hatte, weiß ich nicht (schiebe es dem Koffeinmangel zu), doch schließlich sammelte ich auf meinen Weg zum Mediacampus so viel Verspätungen ein, dass ich insgesamt eine halbe Stunde länger unterwegs war als geplant. Wer verlässt sich schon auf den Öffentlichen Nahverkehr? Zumindest in Hessen.

Doch warum die ganze Aufregung, das Hetzen und Ärgern? Ich wollte zur ersten Blind-Date-Lesung der Longlist-Kandidaten zum Deutschen Buchpreis 2012. Die Autoren besuchen viele Städte in ganz Deutschland. Und keiner von den Teilnehmern der Blind-Date-Lesereise weiß vorher, in welcher Stadt welcher Schriftsteller liest. Ich quetschte die Daumen und wurde belohnt: In Frankfurt las Ursula Krechel ihren Roman »Landgericht«, der bei Jung und Jung erschienen ist.


In dem Buch kehrt Richard Kornitzer, er ist ein Richter gewesen, nach dem Zweiten Weltkrieg zurück in die Heimat. Die Nazizeit hat sein komplettes Leben verändert und seine Familie ist zwischen dem Bodensee, Mainz und England versprengt. Die Heimat ist Kornitzer fremder als das in magisches Licht getauchte Exil in Havanna. Es ist ein Roman, der die Gründungsjahre der Republik und die Lebensgeschichte eines Mannes erzählt, der nie wirklich wieder zu Hause kommt.

Entgegen aller Vermutungen verriet Ursula Krechel nach ihrer Lesung, dass sie für den Roman nicht sehr viel recherchiert habe. Sie war im Mainzer Staatsarchiv gewesen und natürlich für ein paar Tage in Lindau am Bodensee. Insgesamt hat sie zwei Schulhefte vollgeschrieben mit interessanten Berichten und Erinnerungen aus der Gründerzeit. Krechel, selbst 1947 in Trier geboren, konnte für den Roman auch ihre eigenen Erinnerungen als drei- oder vierjähriges Kind einfließen lassen.

Das Thema des Romans »Landgericht« selbst finde ich sehr spannend, Krechel begründete dies in folgender Zahl: Nur fünf Prozent aller Exilanten kamen nach dem Krieg zurück, doch was wurde aus ihnen? Wie fügten sie sich in das neue, alte, fremde Leben im Nachkriegsdeutschland ein? Richard Kornitzers Kinder landeten während des Krieges in England. Krechel hat viele Kindertransportberichte gelesen, um diesen Handlungsstrang so authentisch wie möglich beschreiben zu können. »Die Angst der Kinder vor Deutschland war in England groß, vor allem, wenn die Deutschen mit ihren Fliegerbomben kamen. Sehr schnell mussten sie ihre Heimatsprache vergessen, um nicht ausgegrenzt zu werden«, berichtete sie. Kornitzers Tochter im Roman ging mit vier Jahren nach England und kam nach zehn Jahren zurück. Sie beherrschte die Sprache kaum und ihre Eltern waren ihr vollkommen fremd.

Besonders faszinierend ist die Sprache des Romans, der sehr sachlich und unaufgeregt die Handlung beschreibt. Krechel setzte so den Chronikstil um. Im Publikum gab es Kritik, dass der Protagonist zu ruhig und nicht wütend genug sei, obwohl er allen Grund dazu hätte. Doch genau hier verbirgt sich das spannende Element des Romans: Krechel hat das Berufsbild der Juristen sehr genau studiert und in ihnen sehr rationale Menschen erlebt, die sich gerne gegen ihre Emotionen versperren. Deshalb geht der Zorn des Protagonisten Richard Kornitzer nach Innen und richtet sich gegen sich selbst. Bei ihren Recherchen ist sie auch auf diese Spätschäden gestoßen. »Richard implodiert und explodiert nicht!«, betonte sie.


Ursula Krechel hat Germanistik, Kunstgeschichte und Theaterwissenschaften studiert. Sie hat geschrieben, seitdem sie schreiben kann. Eine besondere Vorliebe hat sie für Lyrik. Derzeit liest sie deshalb auch viele Gedichte, aber auch zeitgeschichtliche Romane. Mehr Informationen zur Autorin und ihren Büchern gibt es auf der Seite von Jung und Jung.

Weitere Termine für die Blind-Date-Lesereise sehen wie folgt aus:

Königs Wusterhausen
31.08.2012, 19:30 Uhr
Stadtbuchhandlung Radwer / Festsaal der Kavalierhäuser
Bahnhofstraße 11 / Schlossplatz 1
Telefon 03375 293667

Gernsbach
04.09.2012, 20:00 Uhr
Bücherstube
Kelterplatz
Telefon 07224 40133

Brühl
05.09.2012
Die Buchhandlung
- entfällt -

Hanau
05.09.2012, 20:00 Uhr
Buchladen am Freiheitsplatz
Am Freiheitsplatz 6
Telefon 06181 28180

Düsseldorf
06.09.2012, 20:00 Uhr
Bolland & Böttcher
Rethelstraße 121
Telefon 0211 6913571

Bonn
06.09.2012, 20:00 Uhr
BuchLaden 46 (in Kooperation mit dem Literaturhaus Bonn)
Kaiserstraße 46
Telefon 0228 223608

Wiesmoor
07.09.2012, 20:00 Uhr
Susannes Buchhandlung
Hauptstraße 181
Telefon 04944 2194

München
07.09.2012, 19:30 Uhr
BücherOase KG
Knorrstraße 45
Telefon 089 18921730

Vellmar
10.09.2012
büchereck am Rathaus
Rathausplatz 3
Telefon 0561 826561

Lagoa, Portugal
11.09.2012
ALFA (Assoziation der Literatur- und Filmfreunde der Algarve)

Freitag, 24. August 2012

Deutscher Buchpreis 2012 – Longlist

Letzte Woche Mittwoch, am 15. August 2012, saß ich um kurz vor 11 Uhr in meinem Auto Gretchen und starte mein Handy an. Ab und an aktualisierte ich den Browser (so ziemlich jeden Augenblick), überlegte, ob ich die Infos vielleicht schneller über twitter bekommen könnte (Direktlink) und fragte mich, warum zum Teufel der Arztbesuch gerade an dem Tag so lange dauern musste. Warum?


Ab 11 Uhr gab die Jury ihre Nominierten für die Longlist des Deutschen Buchpreises bekannt. Das ist jedes Jahr ein spannender Augenblick für mich: Welche Autoren schaffen es auf die Longlist? Welche Verlage sind nominiert und welche nicht? Kenne ich vielleicht sogar einen der Schriftsteller oder einen der glücklichen Verleger? Was für Klatsch wird sich mit der Nominierung ergeben?

Ernst Augustin: Robinsons blaues Haus (C. H. Beck, Januar 2012)
Bernd Cailloux: Gutgeschriebene Verluste (Suhrkamp, Februar 2012)
Jenny Erpenbeck: Aller Tage Abend (Knaus, August 2012)
Milena Michiko Flašar: Ich nannte ihn Krawatte (Wagenbach, Ja-nuar 2012)
Rainald Goetz: Johann Holtrop (Suhrkamp, September 2012)
Olga Grjasnowa: Der Russe ist einer, der Birken liebt (Hanser, Februar 2012)
Wolfgang Herrndorf: Sand (Rowohlt.Berlin, November 2011)
Bodo Kirchhoff: Die Liebe in groben Zügen (Frankfurter Verlagsanstalt, September 2012)
Germán Kratochwil: Scherbengericht (Picus, Februar 2012)
Ursula Krechel: Landgericht (Jung und Jung, August 2012)
Dea Loher: Bugatti taucht auf (Wallstein, März 2012)
Angelika Meier: Heimlich, heimlich mich vergiss (Diaphanes, März 2012)
Sten Nadolny: Weitlings Sommerfrische (Piper, Mai 2012)
Christoph Peters: Wir in Kahlenbeck (Luchterhand, August 2012)
Michael Roes: die Laute (Matthes & Seitz Berlin, September 2012)
Patrick Roth: Sunrise (Wallstein, März 2012)
Frank Schulz: Onno Viets und der Irre vom Kiez (Galiani Berlin, Februar 2012)
Clemens J. Setz: Indigo (Suhrkamp, September 2012)
Stephan Thome: Fliehkräfte (Suhrkamp, September 2012)
Ulf Erdmann Ziegler: Nichts Weißes (Suhrkamp, August 2012)

Der erste Überblick offenbarte mir gleich den größten Skandal: Kein S.Fischer, kein KiWi, nur einmal Hanser und auch nur einmal Rowohlt. Und stattdessen war Suhrkamp gleich mit fünf Titeln nominiert! Ebenfalls erstaunlich: Random House war mit zwei Titeln aus den Verlagen Knaus und Luchterhand nominiert. Sehr erfreulich fand ich die Nominierungen vieler Independent Verlage, zum Beispiel Matthes & Seitz, Jung und Jung und allem voran natürlich die Frankfurter Verlagsanstalt, die ich dieses Jahr kennenlernen durfte. Schade fand ich auch, dass der Antje Kunstmann Verlag gefehlt hat (hab dort einer jungen Autorin die Daumen gedrückt). 

Große Überraschungen gab es für mich nicht, wenn es beispielsweise um die Nominierung des preisgekrönten Wolfgang Herrndorf ging, oder um Sten Nadolny, Stephan Thome (zum zweiten Mal nominiert) und Clemens J. Setz. Die Themen klangen alle recht verschieden. Mich hat inhaltlich bislang am meisten der Hanser-Titel von Olga Grjasnowa angesprochen, überraschenderweise fand ich auch den Knaus-Titel spannend. Aber bevor ich in den nächsten Buchladen renne und mir einen der nominierten Titel hole, warte ich erst einmal das Buch mit den Leseproben ab, das mich letztes Jahr vor einem bösen Fehlkauf bewahrt hat (kurze Sätze!).

Wie geht es nun weiter? Aus den 162 eingesandten Titeln haben sich die Jurymitglieder 20 Romane für die Longlist ausgesucht. Die Shortlist mit sechs Titeln wird am 12. September 2012 bekannt gegeben, bevor im Vorfeld der Frankfurter Buchmesse am 8. Oktober 2012 der Gewinner gekürt wird. Der Preisträger bekommt 25.000 Euro, die anderen Shortlist-Kandidaten jeweils 2.500 Euro.

In der Jury sitzen: Andreas Isenschmid, Silke Grundmann-Schleicher, Oliver Jungen, Dirk Knipphals, Stephan Lohr, Jutta Person und Christinae Schmidt. Neben dem Longlist-Buch mit Leseproben wird es zusätzlich in ganz Deutschland Blind Date-Lesungen mit den Autoren der Longlist geben. Mal schauen, wen ich nächste Woche auf dem mediacampus in Frankfurt erwischen werde, denn im Vorfeld wird nicht verraten, wer wo lesen wird! Mehr Informationen zum Deutschen Buchpreis gibt es auf deren Homepage.


Montag, 10. Oktober 2011

Deutscher Buchpreis 2011 – Der Sieger

Wer meine Eindrücke in Stichworten zu den Romanauszügen gelesen hat, konnte vielleicht eine kleine Tendenz feststellen. Viele gute Autoren sind auf der Shortlist zum Deutschen Buchpreis 2011 gelandet und haben der Jury die Entscheidung bestimmt nicht leicht gemacht. Ich habe heimlich Eugen Ruge die Daumen gedrückt und freue mich nun umso mehr, dass er es wirklich geworden ist. Hier die Begründung der sieben Jury-Mitglieder:

»Eugen Ruge spiegelt ostdeutsche Geschichte in einem Familienroman. Es gelingt ihm, die Erfahrungen von vier Generationen über fünfzig Jahre hinweg in einer dramaturgisch raffinierten Komposition zu bändigen. Sein Buch erzählt von der Utopie des Sozialismus, dem Preis, den sie dem Einzelnen abverlangt, und ihrem allmählichen Verlöschen. Zugleich zeichnet sich sein Roman durch große Unterhaltsamkeit und einen starken Sinn für Komik aus.«

Ein Video zur Preisvergabe ist hier verlinkt.

Mittwoch, 21. September 2011

Deutscher Buchpreis 2011 – Eindrücke in Stichworten

Was können sie nun, unsere Shortlist-Kandidaten? Worum geht es in ihren nominierten Büchern? Wie ist der Stil? Die Umsetzung der Idee? Diese und viele andere Frage habe ich mir selbst beantwortet, nachdem ich mir die Leseproben durchgelesen habe. Hier liste ich nun meine Eindrücke auf.

Jan Brandt: Gegen die Welt (DuMont, August 2011)
928 Seiten. Wenn die Englischlehrerin Frau Zuhl sich erholen möchte, fährt sie weg aus dem Provinznest in Ostfriesland und hinein in ihre Stadtwohnung bei Hannover. Daniel Kuper wächst in diesem kleinen Ort in Ostfrieslandder 70er Jahre auf. Eine Szene im Englischunterricht wird beschrieben, der Humor gefällt mir, die verschachtelten Sätze hingegen gehen nicht immer auf. Schlecht lektorierte Leseprobe? Jan Brandt ist Jahrgang 1974 und besuchte unter anderem die Deutsche Journalistenschule in München. Alles in allem geht es um Daniel, der von den Dorfbewohnern zu einem Außenseiter gemacht wird. Der Schnee im Sommer, die Kornkreise, die Hakenkreuze, an allem ist Daniel Schuld, und je mehr er sich gegen die Anschuldigungen sträubt, desto mehr verstrickt er sich. Ich werde in die Handlung hineingezogen und würde weiterlesen. Klingt nach einem interessanten Debütroman.

Michael Buselmeier: Wunsiedel (Das Wunderhorn, März 2011)
Ein Autor, der zum Theater wurde, jedoch Schriftsteller wurde und seinen Abschied von der Bühne literarisch verarbeitet hat. 158 Seiten, Michael Buselmeier ist Jahrgang 1938, der Roman spielt 1964. Die erste Szene der Leseprobe beschreibt mir wohlbekanntes: Ein Abschied am Bahnhof, Impressionen aus einer verschwimmenden Landschaft mit eingefrorenen Momentaufnahmen. Moritz Schoppe heißt die Hauptfigur, ein Student, der in einem Bummelzug nach Wunsiedel zu seinem ersten Engagement fährt. Selbstreflexion des Ich-Erzählers: Eigentlich fehlte es ihm an allem, vor allem an Souveränität. Zwischen den Zeilen springt mir ein gutmütiger Humor entgegen. Zehn Wochen erlebt Moritz Schoppe dort, die zum Fiasko werden und kehrt nach 44 Jahren nach Wunsiedel zurück. Wunderbar poetisch geschrieben, leider nicht mein Thema.

Angelika Klüssendorf: Das Mädchen (KiWi, August 2011)
Klüssendorf ist 1958 geboren worden und wuchs in Leipzig auf. Scham ist aufregender als Langeweile. Das denkt sich das zwölfjährige Mädchen, das mit ihrem sechsjährige Bruder Alex vollkommen sich selbst überlassen in der DDR aufwächst. Der Vater ist Alkoholiker und kaum zu Hause, die Mutter lässt ihre Wut an den Kindern aus. Zwischen all der Gewalt findet das Mädchen einen Weg heraus, selbst wenn alles schon verloren schien. Ihr Bruder kapselt sich ab, sie selbst spielt Stinktier und bewirft die Menschen auf der Straße mit Scheiße, zieht sich die Unterwäsche ihrer Mutter an und tanzt für die Arbeiter am Fenster. Die Sprache der Autorin ist sehr klar, trocken und direkt. Die Handlung fesselt mich sofort. In einer Rezension wurde die Vulgärsprache der Autorin kritisiert, in diesem Milieu ist sie allerdings passend und realistisch. Der Konflikt ist spannend aufgebaut und die Selbstfindungsphase des Mädchens würde ich gerne weiterlesen. 184 Seiten.

Sibylle Lewitscharoff: Blumenberg (Suhrkamp, September 2011)
Alte Rechtschreibung. Eines Tages findet der Philosoph Blumenberg einen Löwen in seinem Arbeitszimmer. Am Tag darauf streunt er durch seinen Vorlesungssaal an der Universität. Die erste Szene ist überaus skurril, vor allem wegen den Gedanken des Philosophen (Ich bin katholisch, du kannst mich ruhig fressen). Ich entdecke unbekannte, passende Wörter (Ruch und Ungeruch), die mir gefallen. Ist Blumenberg wirklich der letzte Philosoph, der den Löwen zu würdigen weiß? 220 Seiten hat der Feuilletonliebling geschrieben. Sie wurde 1954 geboren. Klingt so skurril und humorvoll, dass ich gerne weiterlesen würde. Vor allem würde ich gerne noch mehr über die Blumenbergianer erfahren, vier Studenten, die den Philosophen verehren. Ein Vorbild ist wohl der reale Philosoph Hans Blumenberg, doch der fiktive Blumenberg in Lewitscharoffs Roman wird nie beim Vornamen genannt.

Eugen Ruge: In Zeiten des abnehmenden Lichts (Rowohlt, September 2011)
1954 geboren, es ist sein erster Roman. Das Manuskript wurde mit dem Alfred-Döblin-Preis ausgezeichnet. 432 Seiten. Es ist drei Generationen, die in der DDR aufeinander treffen: Die Großeltern sind überzeugte Kommunisten, der Sohn mit seiner russischen Frau war einst im Arbeitslager nach Sibirien verschleppt worden und ihrem Sohn, dem es in der DDR zu eng wird. Der Titel des Romans spiegelt den Glauben der politischen Utopie wieder, die von Generation zu Generation in all den Jahrzehnten immer weiter abnimmt. Das klingt nun schlimmer und trockener, als sich die Leseprobe eigentlich liest. Es ist aus der Sicht von Alexander geschrieben, dem Jüngsten, mit einer herrlichen Naivität, in der trotzdem schon das Grauen des Staates hervorbricht. Die Dialoge, die Figuren, die bisherige Beschreibung lesen sich gut, die Sätze sind einfach gehalten und machen Spaß. Würde ich unheimlich gerne weiterlesen.

Marlene Streeruwitz: Die Schmerzmacherin. (S. Fischer, September 2011)
1950 geboren. Österreicherin. Abgebrochenes Jura-Studium und eine Vorliebe für kurze Sätze. Das Buch hat 400 Seiten. Die Hauptfigur ist Amy, die einem privaten Sicherheitsservice angehört. Sie will aussteigen und gerät in die Fänge einer brutalen Organisation. Unheimliche Elemente. Schöne Bilder zeichnen sich in der Leseprobe ab, aber es sind kurze Sätze. Großartige Stimmungsbilder in der Winterlandschaft. Um nicht außer Atem zu geraten, überfliege ich den Textauszug. Kurze Sätze, ich hasse sie. Das wäre das einzige Buch aus der Shortlist, was ich nicht weiterlesen würde. Und ich würde es mir bei einem Sieg auch nicht kaufen. Schade, denn eigentlich fand ich die Idee ganz spannend und das Cover ist unheimlich schön. Aber kurze Sätze, nein.

Mittwoch, 14. September 2011

Deutscher Buchpreis 2011 – Shortlist

Alle Hanser-Titel sind draußen, ebenso die Eichborn-Hoffnung Modick und ein Großteil der Titel aus den Independent-Verlagen. Kein Kurzeck-Favorit mehr, kein Matthes & Seitz-Buch, keine Schweizer Diogenes-Geschichte. Heute ist die Shortlist des Deutschen Buchpreises 2011 veröffentlicht worden. Was sagst Du zu der Endauswahl?

Freitag, 2. September 2011

Bücher-Haul – Longlist


Nun liegen sie wieder aus: Die dünnen, grauen Taschenbücher mit Fotos, Kurzbiografien und Textauszügen der Schriftsteller, die für den Deutschen Buchpreises nominiert sind und auf der Longlist stehen. Da nicht jeder sie kennt, stelle ich sie heute einmal vor. Mit einer Startauflage von 40.000 Exemplaren liegen sie seit letzter Woche in vielen Buchhandlungen in Deutschland aus. Zwar steht in dem Buch etwas von einer Schutzgebühr drin, aber ich hab noch keinen Buchhändler gesehen, der Geld dafür verlangt hat. Im Notfall einfach mal nachfragen. Übrigens habe ich gesehen, dass das Heft auch in meiner Stadtbücherei vorrätig war und ausgeliehen werden konnte. Eine tolle Idee!

Nachdem das Börsenblatt die Hälfte der Titel zerrissen hat, die anderen Bücher nicht gerade spannende Inhaltsangaben hatte, entschied ich mich letztendlich für Esther Kinsky und ihren Roman »Banatsko«. Das Buch ist aus dem Programm des kleinen Matthes & Seitz Verlages aus Berlin, sodass ich mich umso mehr gefreut habe, sie mit meinem Kauf (bei einem stationären, unabhängigen Buchhändler) zu unterstützen. Das Börsenblatt hat die poetische Sprache der Autorin gelobt. Ich werde dann berichten.

Mittwoch, 17. August 2011

Deutscher Buchpreis 2011 – Longlist

Seit zwei Woche habe ich das heutige Datum im Kopf und endlich, endlich, endlich ist sie nun online: Die Longlist des Deutschen Buchpreises 2011. Zwanzig Autoren und ihre Bücher, die alle potentielle Kandidaten auf den Buchpreis sind, der während der Frankfurter Buchmesse verliehen wird. Wie waren die ersten Reaktionen? Die einen bedauerten, dass zu wenig Independent-Verlage vertreten sind, die anderen bedauerten, dass viele herausragende, schon lange tätige Autoren fehlen, andere wiederum schimpften, dass zu wenig Debütanten vertreten sind. Doch wer schaffte es überhaupt auf die Longlist?

Dienstag, 17. Mai 2011

Deutscher Buchpreis 2011 – Blind Date mit den Autoren der Longlist

Am 17. August 2011 um 10 Uhr ist es soweit: Aus 173 eingereichten Titeln werden die 20 besten Werke für die Longlist des Deutschen Buchpreises 2011 nominiert. In diesem Jahr gibt es zudem eine spannende Aktion, denn ab Ende August bis zur Bekanntgabe der Shortlist sind die Nominierten in zehn deutschen Buchhandlungen unterwegs. Allerdings bleibt bis zum Schluss geheim, welcher Autor wo lesen wird.

Donnerstag, 14. Oktober 2010

Buchmesse 2010 – Interview mit Melinda Nadj Abonji

Eines der schönsten Erlebnisse der Buchmesse war für mich die Tatsache, dass Melinda Nadj Abonji den Deutschen Buchpreis gewonnen hat. Natürlich war das Interview im Börsenblatt Café für mich eine kleine Pflichtveranstaltung, der ich lange entgegengefiebert habe.


In ihrer Rede hat Abonji ihrer Lektorin gedankt. Während des Interviews berichtete sie von ihren Erfahrungen mit dem Jung und Jung-Verlag. »Wir haben sehr viele Stunden miteinander verbracht und viele intensive Gespräche geführt. Ich hätte nie gedacht, dass es in einem Verlag so laufen könnte«, erinnerte sie sich. Die Verleger und vor allem die Lektorin haben sich intensiv mit ihrem Text auseinandergesetzt.

»Wir waren stumm vor Überraschung und Freude«, beschrieb der Verleger Jochen Jung den Moment, als der Name ihrer Autorin verkündet worden ist und fügte schmunzelnd hinzu: »Natürlich wussten wir, dass sie gewinnen wird.« Es mussten erst sechs Buchpreise verliehen werden, bevor ein kleiner Verlag diese Auszeichnung bekommen hat. »Die Mauer ist nun durchbrochen und unser Sieg ist deshalb auch eine Auszeichnung für alle anderen kleinen Verlage.« Er klagte ein wenig, als er auf seine Sichtweise angesprochen wurde, wodurch sich denn ein kleiner im Gegensatz zu einem großen Verlag auszeichne. »Die kleineren Betriebe machen oftmals die Entdeckungen und gehen mit neuen, jungen, unbekannten Autoren große Risiken ein. Wenn sie Erfolg haben, werden sie von anderen Verlagen mit größerem Budget gerne abgeworben.«

Jung und Jung hat mit dem Erfolg ihrer Autorin einen Kraftakt bewältigen müssen. Ursprünglich sind in der ersten Auflage 1.500 Bücher gedruckt worden. Auf der Long- und Shortlist war Abonji eher eine Außenseiterin. Nach der Verkündung des Buchpreis-Gewinns stieg die Nachfrage deshalb ziemlich schnell an und liegt mittlerweile bei 80.000 Exemplaren. »Wir steuern die 100.000-Grenze an«, so der Verleger und konnte sich ein zufriedenes Gesicht nicht verkneifen. Ich gönne dem österreichischen Verlagshaus diesen ungewöhnlichen Erfolg. Kamen während der letzten Tage logistische Überforderungen auf? »Nichts ist schöner, als solche Gespräche führen zu müssen«, strahlte Jochen Jung zum Schluss.

Immer wieder wurde Melinda Nadj Abonji auf die autobiografischen Züge in ihrem Roman angesprochen. Während des Interviews räumte sie mit einigen Spekulationen auf. »Meine Ankunft war vielleicht anders. Ich weiß es nicht, denn ich kann mich nicht erinnern.« Der Bruch mit ihrer Heimat war für sie so stark gewesen, dass sie sich an kaum etwas erinnert. Schließlich war Melinda Nadj Abonji damals fünf Jahre alt gewesen. Deshalb ist »Tauben fliegen auf« kein autobiografischer Roman, obwohl einige Einzelheiten wahr sind. »Ich fand es sehr spannend mir vorzustellen, wie es gewesen sein könnte. Es war ein sehr schönes Gefühl, Figuren und Situationen zu erfinden und sich in ihre Situation zu versetzen«, erinnerte sie sich an die Zeit des Schreibens zurück. Für Melinda Nadj Abonji war es eine sehr intensive Arbeitszeit gewesen.


Die Hauptfigur Ildiko wird von der jüngeren Schwester Nomi als Mischwesen bezeichnet, das durch verschiedene Welten wandert. Während des Interviews wird die Autorin deshalb nach ihrer Definition von Heimat gefragt. »Heimat ist für mich nicht an eine Nation gebunden, sondern an Sprachen und auch an die Musik.« Melinda Nadj Abonji liebt die ungarischen Lieder und auch die Sprache, die sie allerdings nie in der Schule gelernt hat. Gerade deshalb hat sie ihre Texte auf Deutsch geschrieben. Sie hat zwar experimentiert und einige Kurzgeschichten auf Ungarisch geschrieben, allerdings seien sie voller Fehler gewesen. »Sie waren witzig und ich habe beim Vortrag Narrenfreiheit genossen«, sagte sie augenzwinkernd.

Von einem »Nichts« ist sie zur Buchpreisträgerin des Jahres 2010 geworden. Melinda Nadj Abonji spielt selbst Geige und singt gerne. Ihre Liebe zur Musik hat sie in ihren Roman eingearbeitet. »Jedes Kapitel ist in einer eigenen Tonart geschrieben und hat einen ganz eigenen Rhythmus«, verriet sie. Die Autorin hat zudem ungarische Redewendungen und Lieder übersetzt und auch auf falsche Dialekte nicht verzichtet.

Sie hat kein Thesenbuch geschrieben, obwohl sie viele Konflikte der Jugoslawien-Kriege angedeutet hat. »Es ist ein wunderbar erzählter Roman«, betonte Jochen Jung und dieser wird in ihrer ungarisch-serbischen Heimat Centa stürmisch gefeiert. »Sie waren gerührt und haben Tränen geweint«, zeigte sich Melinda ebenfalls überrascht und gerührt über die Anteilnahme. Bis zum nächsten Sommer wird die Übersetzung ins Ungarische fertig sein und bereits jetzt ist ein großes Fest zusammen mit der Autorin geplant. Haben die Menschen der ungarischen Minderheit in der Vojvodina in Serbien überhaupt eine Vorstellung, um was es in ihrem Roman gehen könnte? Melinda bejahte. Sie hat zahlreiche Interviews bei den ungarischen Zeitungen und Fernsehsendern gegeben. »Viele von dort können auch gut Deutsch«, schloss sie.

Wesentlich frostiger war die Buchpreisträgerin, als sie auf die Reaktionen in der Schweiz angesprochen worden ist. Da wurden ihre Lippen schmal, und die Augen blickten zurück in eine Vergangenheit, die wohl nicht leicht gewesen ist. »Lange Zeit war ich in der Schweiz Bosnierin, Serbin, Ungarin gewesen. Andauernd wurde mein Name falsch geschrieben. Nun habe ich den Buchpreis gewonnen und bin plötzlich zu einer Züricherin geworden. Ich könnte jetzt viel über die Fremdenfeindlichkeit in der Schweiz erzählen – ich mache es aber nicht.«

In diesem Jahr feiert der Jung und Jung-Verlag nicht nur den Gewinn des Buchpreises, sondern auch sein zehnjähriges Jubiläum. Verändert die Auszeichnung nun die Perspektive und die Pläne des Verlags? Jochen Jung verneinte. »Der Erfolg ist für uns eine große Beruhigung, aber wir wollen so bleiben, wie wir sind. Vielleicht mit ein bisschen mehr Selbstbewusstsein, mehr Ruhe und mehr Gelassenheit.«

Dienstag, 5. Oktober 2010

Deutscher Buchpreis 2010 – Mysteriöse Worte

In diesem Post schiele ich mal böse zum Chef, der keine Karten für mich bekommen hat, und lobpreise das Internet und die Menschen vom Deutschen Buchpreis, die bereits einen Filmausschnitt online gestellt haben. Mein lieber Leser, hast du Melinda Nadj Abonji zum Schluss verstanden? Eine kleine Minderheit bestimmt schon und zu dieser gehöre auch ich, selbst wenn meine ungeübten Ohren einige Male vor- und zurückspulen mussten. Ich werde mich morgen mal umhören, ob Abonji da vielleicht ein Gedicht zitiert hat? Es klingt auf alle Fälle sehr lyrisch:

»Ich dachte, dass aus meinem Herz Regen fällt, aber es ist mein Auge, das tränt.«

Falls meine Übersetzung stimmt, passt sie so wunderbar in die Stimmung, die Abonji auf natürliche, leise Art in ihrer Rede verbreitet hat.

Montag, 4. Oktober 2010

Deutscher Buchpreis 2010 – Gewonnen hat ...?

... Melinda Nadj Abonji! Herzlichen Glückwunsch! Ich freue mich unglaublich für die Autorin. Bereits auf der Longlist ist mir ihr Roman sofort ins Auge gesprungen und ich hab ihn mir sogleich gekauft. Dass sie nun wirklich gewonnen hat – toll, einfach toll! Endlich konnte auch mal ein Kleinverlag gegen Suhrkamp, Hanser und die anderen Großen ankommen. Dieses Jahr ging der Preis völlig zurecht an eine talentierte Autorin und eine Geschichte, die in ihrer Suche nach Heimat nun dort angekommen ist, wo sie hingehört: Im Mittelpunkt des Interesses, der Medien und vieler Menschen. Hoffentlich werden Ildi und Nomi viele Leser finden!

Deutscher Buchpreis 2010 – Wer wird gewinnen?

In wenigen Stunden sind wir klüger und müssen nicht mehr spannende Umfragen verfolgen, um zu erfahren, wer in diesem Jahr den Deutschen Buchpreis gewinnen wird. Leider habe ich keine Karten bekommen und bin dementsprechend unglücklich. Aber ich wollte dir, lieber Leser, diese Online-Umfrage des Börsenblatts nicht vorenthalten: Klick!

4.000 Leser haben abgestimmt und sich für Thomas Lehrs »September. Fata Morgana« entschieden. Mal schauen, wer heute Abend das Rennen machen wird. Ich werde mir jetzt auf alle Fälle einen zuverlässigen Twitterer suchen gehen ...