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Mittwoch, 19. Dezember 2012
Bibliophile Momentaufnahmen – Kalenderwoche 51
Wenn die Welt dieses Jahr noch untergeht, dann bitte richtig. Mit Zombies und vielen anderen Katastrophen. Aber bitte erst, nachdem ich eingekauft habe und genug Nahrungsmittel für den Winter gebunkert habe. Auf eine Zombiejagd bei schlechtem Wetter habe ich nicht so viel Lust.
Als ich aus meinem Urlaub zurück nach Hause kam, wartete ein Paket auf mich. Als Absender war die ZAU angegeben, die Zentrale zur Abwehr Untoter. Am anderen Ende prangte der oben stehende Aufkleber. Das Paket war von einem sehr blassen Briefträger übergeben worden, der sich neugierig nach dem Absender erkundigt hat. Dabei hat er dreingeblickt, als hätte er gerade Anthrax ausgeliefert.
Hinter dem Paket steckt der Verlag Chicken House, die zu Carlsen gehören, und ein Zombie-Buch für Jugendliche publizieren. Im Paket war ein dazu passendes Plakat enthalten, der Zombie Survival Guide. Ich habe das Paket ohne Vorwarnung bekommen und mich unglaublich gefreut, und wer mich kennt, weiß auch warum. Damit reiht sich die Aktion ein in die Reihe gelungener Marketingmaßnahmen und ich bin gespannt, was der Verlag und die Agentur für uns Zombiefreaks so alles geplant haben.
Montag, 30. Juli 2012
Rezension – Cat Patrick: »Die 5 Leben der Daisy West«
Selten hat mich ein Buchtrailer im Nachhinein so sehr befremdet wie der zu dem Jugendbuch von Cat Patrick. Der Film zu »Die 5 Leben der Daisy West« verspricht einen lustigen Roman mit einem ernsten Thema: Leben und Tod. Zum Glück war ich vorbereitet, denn Daisy West ist alles andere als eine spaßige, leichte Sommerlektüre. Sie ist wesentlich mehr und ein spannendes Debüt der Autorin!
Inhalt
Die Hauptfigur Daisy West nimmt an einem geheimen Projekt teil, das ein Medikament an ihr testet. Jedes Mal, wenn Daisy stirbt, wird sie mit Revive wieder zurück ins Leben geholt. Allerdings muss sie jedes Mal ein komplett neues Leben anfangen, ihre Identität und ihren Wohnort wechseln. Mittlerweile ist sie 15 Jahre alt, als sie nach einem tödlichen Bienenstich in Omaha landet, gemeinsam mit Mason und Cassie, ihren Adoptiveltern und Agenten des Revive-Programms. Dieses Mal will Daisy es anders machen, möchte keine Einzelgängerin mehr sein und freundet sich mit Audrey an, verliebt sich in ihren Bruder Matt und genießt das neue Leben als Daisy West in vollen Zügen … bis sie von Schatten eingeholt wird.
Meinung (Ohne Spoiler)
Die Autorin Cat Patrick wirft interessante Fragen auf. Sie springt nicht auf den Zug der Unsterblichkeit auf, sondern kreiert ein Szenario, in dem Daisy aus dem Tod zurückgeholt werden kann – solange ihr Körper unversehrt bleibt (ertrinken, ersticken und allergischer Schock funktioniert, Krankheiten, Genickbruch und Verbrennungen nicht). Wie lebt ein Mädchen ihr Leben, wenn sie jedes Mal zurückgeholt werden könnte? Sie hat mehrere Leben und muss nach jedem Tod neu anfangen, ist wurzellos und hat keine richtige Familie. Weitere Fragen stellen sich im Lauf der Geschichte: Wie reagiert man auf den endgültigen Tod? Was ist echte Trauer, was echtes Leben? Wie ist das Revive-Programm zu bewerten? Ist es moralisch vertretbar?
Der Roman hat mir gefallen, weil Daisy eine klare Entwicklung durchmacht (auch wenn sie vorhersehbar und nicht immer ganz nachvollziehbar ist). Insgesamt hätte der Roman aber wesentlich mehr Potential gehabt, stellenweise gingen mir die Entwicklungen viel zu schnell – vor allem die Freundschaft zu Audrey, die viel zu leicht ging und zu schnell unglaubwürdig-amerikanisch sehr intensiv war. Hier hätte ich mir mehr Tiefe gewünscht.
Ganz furchtbar fand ich teilweise die Dialoge, und da vor allem der übermäßige Einsatz von »Danke« – »Bitte«-Konstruktionen, die immer nach demselben Schema abliefen.
»Willkommen an unserer Schule« – »Danke«, antworte ich. (Seite 34)
»Coole Schuhe.« – »Danke«, erwidere ich. (Seite 36)
»Ich mag deine Frisur.« – »Danke«, antwortet sie. (Seite 36)
»Tolles Auto«, sage ich. »Danke«, antwortet sie. (Seite 40)
»Cooles Sweatshirt.« – »Danke«, erwiderte er und lächelte kurz. (Seite 72)
Das ist nur eine kleine Auswahl. Bei der Gelegenheit ist mir gerade auch der Zeitfehler aufgefallen. Leider ist das Buch insgesamt eher mittelmäßig lektoriert und hat viele Tippfehler und Dreher drin.
Meinung (mit Spoiler)
Sehr überraschend kam für mich die Entwicklung mit Audrey. Krebs im Endstadium – da hat sich Daisy genau die richtige erste, beste Freundin ausgesucht. In der Geschichte selbst spiegeln sich beide Charaktere ganz gut: Fünf Leben, ein halbes. Zurückgekehrt von den Toten, dem Tode geweiht. Aus diesem Gegensatz hätte man mehr herausholen können. So hat sie ihre erste beste Freundin innerhalb eines Monats kennen gelernt und verloren. Kann so schnell so eine enge Verbindung aufgebaut werden?
Auch Matts Entwicklung fand ich nicht immer rund gestaltet. Klar, Daisy war sehr schnell verliebt, aber Matts Empfindungen blieben unerwähnt. Viele Spaziergänge und Treffen blieben ohne ernsthafte Gespräche (auch wenn er drei Stunden fährt, um sie von einer Party abzuholen?!). Erst nach dem Tod von Audrey zeigt sich die Stärke des Romans: Die Verarbeitung von Trauer – und wie unterschiedlich die Charaktere mit ihr umgehen.
Fazit
Ich konnte das Buch nicht aus der Hand legen: Thematisch ist es äußerst reizvoll und spannend gestaltet. Leben und Sterben, und die Verarbeitung von Trauer – das sind die großen Themen des Romans und seine Stärken. Schwach hingegen sind der Aufbau der Dialoge und die Ausarbeitung der Figuren. Bei »Die 5 Leben der Daisy West« hätte ich mir eindeutig mehr Längen gewünscht, mehr Tiefe, mehr Entwicklung. Dann wäre es ein richtig tolles Buch geworden.
Cat Patrick
»Die 5 Leben der Daisy West«
Boje, 301 Seiten, 14,99 Euro
ISBN: 978-3414820617
Erschienen am 20. Juli 2012
Inhalt
Die Hauptfigur Daisy West nimmt an einem geheimen Projekt teil, das ein Medikament an ihr testet. Jedes Mal, wenn Daisy stirbt, wird sie mit Revive wieder zurück ins Leben geholt. Allerdings muss sie jedes Mal ein komplett neues Leben anfangen, ihre Identität und ihren Wohnort wechseln. Mittlerweile ist sie 15 Jahre alt, als sie nach einem tödlichen Bienenstich in Omaha landet, gemeinsam mit Mason und Cassie, ihren Adoptiveltern und Agenten des Revive-Programms. Dieses Mal will Daisy es anders machen, möchte keine Einzelgängerin mehr sein und freundet sich mit Audrey an, verliebt sich in ihren Bruder Matt und genießt das neue Leben als Daisy West in vollen Zügen … bis sie von Schatten eingeholt wird.
Meinung (Ohne Spoiler)
Die Autorin Cat Patrick wirft interessante Fragen auf. Sie springt nicht auf den Zug der Unsterblichkeit auf, sondern kreiert ein Szenario, in dem Daisy aus dem Tod zurückgeholt werden kann – solange ihr Körper unversehrt bleibt (ertrinken, ersticken und allergischer Schock funktioniert, Krankheiten, Genickbruch und Verbrennungen nicht). Wie lebt ein Mädchen ihr Leben, wenn sie jedes Mal zurückgeholt werden könnte? Sie hat mehrere Leben und muss nach jedem Tod neu anfangen, ist wurzellos und hat keine richtige Familie. Weitere Fragen stellen sich im Lauf der Geschichte: Wie reagiert man auf den endgültigen Tod? Was ist echte Trauer, was echtes Leben? Wie ist das Revive-Programm zu bewerten? Ist es moralisch vertretbar?
Der Roman hat mir gefallen, weil Daisy eine klare Entwicklung durchmacht (auch wenn sie vorhersehbar und nicht immer ganz nachvollziehbar ist). Insgesamt hätte der Roman aber wesentlich mehr Potential gehabt, stellenweise gingen mir die Entwicklungen viel zu schnell – vor allem die Freundschaft zu Audrey, die viel zu leicht ging und zu schnell unglaubwürdig-amerikanisch sehr intensiv war. Hier hätte ich mir mehr Tiefe gewünscht.
Ganz furchtbar fand ich teilweise die Dialoge, und da vor allem der übermäßige Einsatz von »Danke« – »Bitte«-Konstruktionen, die immer nach demselben Schema abliefen.
»Willkommen an unserer Schule« – »Danke«, antworte ich. (Seite 34)
»Coole Schuhe.« – »Danke«, erwidere ich. (Seite 36)
»Ich mag deine Frisur.« – »Danke«, antwortet sie. (Seite 36)
»Tolles Auto«, sage ich. »Danke«, antwortet sie. (Seite 40)
»Cooles Sweatshirt.« – »Danke«, erwiderte er und lächelte kurz. (Seite 72)
Das ist nur eine kleine Auswahl. Bei der Gelegenheit ist mir gerade auch der Zeitfehler aufgefallen. Leider ist das Buch insgesamt eher mittelmäßig lektoriert und hat viele Tippfehler und Dreher drin.
Meinung (mit Spoiler)
Sehr überraschend kam für mich die Entwicklung mit Audrey. Krebs im Endstadium – da hat sich Daisy genau die richtige erste, beste Freundin ausgesucht. In der Geschichte selbst spiegeln sich beide Charaktere ganz gut: Fünf Leben, ein halbes. Zurückgekehrt von den Toten, dem Tode geweiht. Aus diesem Gegensatz hätte man mehr herausholen können. So hat sie ihre erste beste Freundin innerhalb eines Monats kennen gelernt und verloren. Kann so schnell so eine enge Verbindung aufgebaut werden?
Auch Matts Entwicklung fand ich nicht immer rund gestaltet. Klar, Daisy war sehr schnell verliebt, aber Matts Empfindungen blieben unerwähnt. Viele Spaziergänge und Treffen blieben ohne ernsthafte Gespräche (auch wenn er drei Stunden fährt, um sie von einer Party abzuholen?!). Erst nach dem Tod von Audrey zeigt sich die Stärke des Romans: Die Verarbeitung von Trauer – und wie unterschiedlich die Charaktere mit ihr umgehen.
Fazit
Ich konnte das Buch nicht aus der Hand legen: Thematisch ist es äußerst reizvoll und spannend gestaltet. Leben und Sterben, und die Verarbeitung von Trauer – das sind die großen Themen des Romans und seine Stärken. Schwach hingegen sind der Aufbau der Dialoge und die Ausarbeitung der Figuren. Bei »Die 5 Leben der Daisy West« hätte ich mir eindeutig mehr Längen gewünscht, mehr Tiefe, mehr Entwicklung. Dann wäre es ein richtig tolles Buch geworden.
Cat Patrick
»Die 5 Leben der Daisy West«
Boje, 301 Seiten, 14,99 Euro
ISBN: 978-3414820617
Erschienen am 20. Juli 2012
Montag, 4. Juni 2012
Rezension – Mike Lancaster: »0.4 – Eine perfekte neue Welt«
Inhalt
In einer weit entfernten Zukunft werden normale Hörspielkassetten gefunden, auf denen die Geschichte von Kyle Straker aufgezeichnet ist. Er berichtet aus einer uns vertrauten Welt und Zeit und schildert, wie sich die Welt innerhalb weniger Augenblicke komplett verändert hat. Nachdem er und drei Bekannte während einer Talentshow in einem englischen Dorf hypnotisiert werden, wachen sie in einer völlig veränderten Welt auf. Sie sind zu Außenseitern geworden und müssen sich mit vielen Fragen auseinandersetzen: Können sie in dieser neuen Welt leben? Was ist real?
Meinung (Ohne Spoiler)
»0.4 – Eine perfekte neue Welt« zeigt eine sehr einfache neue Welt auf: Sie wird nur am Rande beschrieben und angerissen. Die Handlung ist sehr einfach, wenig mysteriös und hat keine Nebenhandlungen. Zielgerichtet steuert der Leser auf die Lösung des Rätsels zu, das aber auch nicht ganz erklärt wird. Die Hintergründe bleiben unklar und verlieren sich in Mutmaßungen.
Alles in allem präsentiert Mike Lancaster eine sehr oberflächliche Geschichte. Die Figuren sind platte Stereotypen, die sich nur oberflächlich mit der neuen Situation auseinandersetzen. Gerade für Jugendliche, die sich diesem spannenden Thema stellen wollen, ist eine Identifikation wichtig, hier aber leider kaum möglich. Die Erwähnung von Facebook, Twitter oder Apple-Produkten reicht für eine Identifikation leider nicht aus.
Lediglich die Anmerkungen des Herausgebers zu der gehörten Geschichte sind witzig, erscheinen aber stellenweise auch unausgearbeitet zu sein: Wieso wird jene menschliche Eigenart wissenschaftlich penibel erklärt, andere hingegen jedoch nicht?
Meinung (mit Spoiler)
Gerade die Anmerkungen spiegeln wieder, wie die neue Gesellschaft denkt und funktionieren könnte. Allerdings sind die Anmerkungen dafür zu verstreut und wahllos gesetzt. Und wenn es um die Erschaffung der perfekten neuen Welt geht, in der keine Verbrechen mehr möglich sind – warum Identifizieren sich die Herausgeber zum Schluss so mit Kyles Geschichte? Woher kommt in dieser klinisch-neuen Welt plötzlich diese Solidarität her?
Fazit
Gute Idee, leider nur sehr oberflächlich umgesetzt. Die Unterschiede der verschiedenen Gesellschaften werden nicht gut vermittelt, die Charaktere sind oberflächlich und setzen sich nicht intensiv mit ihrer neuen Welt auseinander. Auch bleiben alle Hintergründe im Dunkeln – und eigentlich mag ich das Argument nicht, dass man die Lücken mit der eigenen Fantasie füllen soll. Das ist für mich lediglich die Rechtfertigung mittelmäßiger Schriftsteller für die Lösung ihrer eigenen Probleme, eine Erklärung zu finden.
Mike Lancaster
»0.4 – Eine perfekte neue Welt«
Oetinger, 272 Seiten, 14,95 Euro
ISBN: 978-3789141201
Erschienen im September 2011
Freitag, 8. Juli 2011
Neuerscheinungen 2012 – Kinder- und Jugendliteratur
Es geht los, es geht los. Im Börsenblatt findet man schon die ersten Titel für den Frühjahr 2012. Dann fang ich schon mal mit meiner Liste an.
Dienstag, 15. März 2011
Dreizehnte Folge: Literarische Verarbeitungen des Ersten Weltkriegs in der Zeit des Nationalsozialismus
Nach dem Ersten Weltkrieg folgt nun das zweite düstere Kapitel in der Geschichte des Kinder- und Jugendbuchs – ihre Zeit im Nationalsozialismus. Ab 1914 hat sich in der Verlagslandschaft etwas entwickelt, was es zuvor in der Form noch nicht gegeben hat. In den Kinder- und Jugendbüchern verbreiteten sich zusehends Kriegspropaganda, und die eigene Geschichte wurde ausgesprochen positiv dargestellt. Ihre Hochblüte erlebten diese Bücher zwischen 1914 bis 1916, bis der hässliche Stellungskrieg begann.
Wie entwickelte sich die Literatur für Kinder und Jugendliche während des Nationalsozialismus? Setzte sie genauso schlagartig ein? Begann sie mit der »Machtergreifung« 1933?
Wie entwickelte sich die Literatur für Kinder und Jugendliche während des Nationalsozialismus? Setzte sie genauso schlagartig ein? Begann sie mit der »Machtergreifung« 1933?
Donnerstag, 24. Februar 2011
Zwölfte Folge: Bekannte Bilder- und Erstlernbücher der Weimarer Republik
Nicht nur im Bereich Kinder- und Jugendbüchern hat die Zeit der Weimarer Republik einige Bestseller hervorgebracht. Auch bei den Bilder- und Erstlernbüchern entwickelten sich ein paar Klassiker, die begründet (und leider auch unbegründet) bis heute gerne vorgelesen werden.
Montag, 7. Februar 2011
Elfte Folge: Bekannte Kinderbücher der Weimarer Republik
Die Weimarer Republik brachte im Bereich Kinder- und Jugendbuch so manchen Bestseller hervor, der bis heute an Popularität wenig eingebüßt hat, selbst wenn das Wissen um diese Bücher heute stark durch Disney-Produktionen beeinflusst werden. Zu den erfolgreichen Autoren gehören Rudyard Kipling (1865-1936), Alan Alexander Milae (1882-1956), Lewis Carroll (1832-1898) und Carlo Collodi (1826-1890). Sind sie dir nicht oder nur teilweise bekannt? Ich bin mir eigentlich ziemlich sicher, dass du mit all ihren Geschichten etwas anfangen kannst.
Donnerstag, 27. Januar 2011
Zehnte Folge: »Die Biene Maja und ihre Abenteuer«
Bestseller gibt es immer wieder und wer sich intensiver mit ihnen beschäftigt, wird schnell etwas über die Bedingungen erfahren wollen, unter welchen Umständen solche Bücher entstehen können. Bei vielen erfolgreichen Bestsellern spielen die Hintergründe eine besondere Rolle, wie und warum sie gerade zu einem bestimmten Zeitpunkt wertvoll, interessant und bewegend für den Käufer gewesen sein könnten.
Freitag, 21. Januar 2011
Neunte Folge: Umdeutung von Kinder- und Jugendliteratur während des Ersten Weltkriegs
Siebzig Jahre nach dem Tod eines Autors werden seine Rechte frei. In manchen Situationen macht sich sein Werk schon vorher selbstständig – sogar noch zu Lebzeiten des Schriftstellers. Wie muss sich so jemand fühlen, wenn er noch miterlebt, wie sein Werk von den Rezensenten aufgegriffen und komplett umgedeutet wird? Angepasst, falsch interpretiert oder Intentionen entdeckt, die der Autor nie beabsichtigt hat?
Donnerstag, 20. Januar 2011
Neuerscheinungen 2011 – Kinder- und Jugendliteratur
Das hat noch gefehlt. Eindeutig. Eine Liste mit Neuerscheinungen im Bereich Kinder- und Jugendbuch. Am Wochenende war ich auf einer Redaktionssitzung, auf der das Frühjahrsprogramm der Kinder- und Jugendbuchverlage fleißig gewälzt wurde. Der Berg mit Vorschauen war gewaltig, das Ergebnis jedoch ernüchternd. Der Fußball macht sich immer noch im Raum breit, ebenso wie Werwölfe, Elfen und vor allem Vampire! Politische, kritische, wichtige Jugendbücher waren selten. Erfreulich dagegen ist die Entwicklung bei den Bilderbüchern, denn hier ist die künstlerische Qualität gestiegen. Vor allem die kleinen Verlage haben qualitativ deutlich zugelegt.
Dienstag, 11. Januar 2011
Achte Folge: Backfischliteratur
Man nehme eine Titelfigur – am besten ein junges Mädchen, würze sie mit einer gutbürgerlichen Herkunft und veredle ihre Vorfahren am besten mit Adligen. Der Aufwand für das Hauptfiguren-Gericht ist gering und reicht nur von 14 Jahren bis zur Verlobung. Fertig ist eine Mischung, die perfekt in das Schema der Backfischliteratur passt. Den Namen prägte die Autorin Clementine Helm in ihrem Roman »Backfischchens Leiden und Freuden« (1863). Danach folgten schnell weitere Backfischromane mit dem gleichen Muster, die alle zu Bestsellern wurden: »Heidi« (1882) von Johanna Spyri, »Der Trotzkopf« (1885) von Emmy von Rhoden und »Nesthäkchen« (1913) von Else Ury.
Donnerstag, 6. Januar 2011
Siebte Folge: Friedrich Justin Bertuch
Weimar hat viele berühmte Bürger gehabt: Goethe, Schiller, Wieland, Cranach, Anna Amalia, Caspar David Friedrich, Gropius, Hebbel, Herder, Liszt, Nietzsche, Schopenhauer, Zeiss. Etwas unbekannter ist der folgende Einwohner: Friedrich Justin Bertuch (1747-1822).
Dienstag, 28. Dezember 2010
Sechste Folge: Joachim Heinrich Campe
Weißes, nach hinten gekämmtes Haar, an den Spitzen leicht gelockt, wie es der Mode des 19. Jahrhunderts entsprach, eine markante Nase und streng blickende Augen: So sehen die Bilder aus, die von Joachim Heinrich Campe überliefert sind. Der deutsche Pädagoge, Schriftsteller und Verleger lebte von 1746 bis 1818 und trug dazu bei, das Erziehungswesen zu reformieren.
Dienstag, 23. November 2010
Fünfte Folge: Die Aufklärung
Ein paar Schlagwörter der Aufklärung gefällig, mit denen man inzwischen auch wirklich Jeden jagen kann? Kant! Selbstständiges Denken und Handeln! Sapere Aude! Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! Diese Bewegung prägte den weiteren Verlauf, den das Kinder- und Jugendbuch erlebte.
Christian Wolff (1676-1754) legte fest, dass die Vernunft der Grund jeder Erziehung ist. John Locke definierte in diesem Sinne das Kind neu: Es ist ein vernunftbegabtes Wesen und hat eine eigene kindliche Seele. Jean-Jaques Rousseau entdeckte die Kindheit und plädierte dafür, Kinder ihrem Alter entsprechend zu behandeln und zu erziehen. Die Kindheit ist ein eigener Abschnitt, der eine besondere Erziehung verlangt. Diese Ratschläge setzte er in seinem Erziehungsroman »Emile« (1762) um. Gleichzeitig trieb er die Idee voran, dass Bücher das natürliche Verhältnis der Kinder zu ihrer Umgebung zerstören. Sie hatten in der Welt der Erwachsenen deshalb nichts zu suchen. Eine schlimme Vorstellung, meiner Meinung nach.
Die Philanthropen – die Menschenfreunde – bildeten sich heraus, unter ihnen war Johann Bernhard Basedow (1724-1790), der sich für eine natürliche Erziehung der Kinder einsetzte. Dazu gehörte ein spielerischer Umgang mit dem Lernen. Das Zentrum der Philanthropin – eigene schulische Anstalten mit kindgerechtem Unterricht – entstand in Dessau und überhaupt wanderte der Buchmarkt mit der Aufklärung vermehrt vom Süden in den Norden von Deutschland. Berlin, Leipzig, Halle und Braunschweig waren die neuen Zentren.
Zu den Erziehern in den Philanthropin in Dessau gehörte Joachim Heinrich Campe, der einer der führenden Reformer wurde. Seine Geschichte erzähle ich dir, lieber Leser, im nächsten Blogpost.
Christian Wolff (1676-1754) legte fest, dass die Vernunft der Grund jeder Erziehung ist. John Locke definierte in diesem Sinne das Kind neu: Es ist ein vernunftbegabtes Wesen und hat eine eigene kindliche Seele. Jean-Jaques Rousseau entdeckte die Kindheit und plädierte dafür, Kinder ihrem Alter entsprechend zu behandeln und zu erziehen. Die Kindheit ist ein eigener Abschnitt, der eine besondere Erziehung verlangt. Diese Ratschläge setzte er in seinem Erziehungsroman »Emile« (1762) um. Gleichzeitig trieb er die Idee voran, dass Bücher das natürliche Verhältnis der Kinder zu ihrer Umgebung zerstören. Sie hatten in der Welt der Erwachsenen deshalb nichts zu suchen. Eine schlimme Vorstellung, meiner Meinung nach.
Die Philanthropen – die Menschenfreunde – bildeten sich heraus, unter ihnen war Johann Bernhard Basedow (1724-1790), der sich für eine natürliche Erziehung der Kinder einsetzte. Dazu gehörte ein spielerischer Umgang mit dem Lernen. Das Zentrum der Philanthropin – eigene schulische Anstalten mit kindgerechtem Unterricht – entstand in Dessau und überhaupt wanderte der Buchmarkt mit der Aufklärung vermehrt vom Süden in den Norden von Deutschland. Berlin, Leipzig, Halle und Braunschweig waren die neuen Zentren.
Zu den Erziehern in den Philanthropin in Dessau gehörte Joachim Heinrich Campe, der einer der führenden Reformer wurde. Seine Geschichte erzähle ich dir, lieber Leser, im nächsten Blogpost.
Freitag, 19. November 2010
Das Kinder- und Jugendbuch – Die Realienpädagogik des 17. Jahrhunderts
Anfang des 17. Jahrhunderts beginnt für das Kinder- und Jugendbuch die entscheidende Phase mit einem Umbruch im Denken der Gesellschaft: Es entwickeln sich Verlage, die speziell für Kinder und Jugendliche publizieren und auch Autoren, die für diese Zielgruppe schreiben. Doch wo beginnt diese Entwicklung?
Vielleicht bei Johann Amos Comenius. Der Philosoph, Theologe und Pädagoge lebte von 1592 bis 1670 und beklagte sich über die Schulpädagogik. In den Büchern würden nur Wörter stehen, keine veranschaulichende Beispiele. Es wären nur komplexe, abstrakte Sachverhalte, keine Dinge. Keine Realien. Aber gerade die könnten das Lernen und das Verstehen erleichtern. Die Realienpädagogik des 17. Jahrhunderts war somit geboren. Comenius forderte im Wesentlichen drei Dinge: das Erkennen der Dinge, der Zusammenhänge und der Welt. Es entstanden Realienkabinette, die beim Begreifen und Verstehen helfen sollten. In der Welt der Bücher arbeiteten die Verleger zur Veranschaulichung mit Holz-, später mit Kupferstichen. Eine weitere Erneuerung war der Unterricht in der Muttersprache. Die Schulbücher waren jetzt auf Deutsch verfasst und nicht mehr auf Latein.
Das erste bewusste Kinderbuch war das »Orbis sensualium pictus« (Nürnberg, 1658). Es beschrieb das Wandern durch die Welt mit Hilfe von 200 Tafeln. Der Titel führt ein wenig in die Irre, denn das Buch ist zweisprachig geschrieben und hat sowohl eine »Invitatio« als auch eine »Einleitung«.
Telemann Olearius verfasste die »Deutsche Sprachkunst« (1630), in der Bilder zur Orientierung dienten und die Fantasie anregten. Das »A« wurde den Kindern als Aal vermitteln (ein Regenwurm mit dem Kopf einer Gans), der sich so ringelte, dass die Figur dem Buchstaben ähnelte. Das »O« war als Ohr abgebildet und das »V« logischerweise als geöffnete (Taschen-) Uhr – schließlich arbeitete Telemann Olearius noch mit dem lateinischen Alphabet.
Die Realienpädagogik des 17. Jahrhunderts veränderte den Markt des Kinder- und Jugendbuchs. Die wesentlichen Veränderungen spiegelten sich im Bedeutungsverlust des Lateinunterrichts wider. Stattdessen wurden Geschichte, Erdkunde und Naturkunde in der Schule bevorzugt. Die Adaption von Wissen war auf die kindliche Auffassungsgabe angepasst und Bilder kamen zum Einsatz. Können diese Entwicklungen noch übertroffen werden? Natürlich – und zwar in der Zeit der Aufklärung.
Vielleicht bei Johann Amos Comenius. Der Philosoph, Theologe und Pädagoge lebte von 1592 bis 1670 und beklagte sich über die Schulpädagogik. In den Büchern würden nur Wörter stehen, keine veranschaulichende Beispiele. Es wären nur komplexe, abstrakte Sachverhalte, keine Dinge. Keine Realien. Aber gerade die könnten das Lernen und das Verstehen erleichtern. Die Realienpädagogik des 17. Jahrhunderts war somit geboren. Comenius forderte im Wesentlichen drei Dinge: das Erkennen der Dinge, der Zusammenhänge und der Welt. Es entstanden Realienkabinette, die beim Begreifen und Verstehen helfen sollten. In der Welt der Bücher arbeiteten die Verleger zur Veranschaulichung mit Holz-, später mit Kupferstichen. Eine weitere Erneuerung war der Unterricht in der Muttersprache. Die Schulbücher waren jetzt auf Deutsch verfasst und nicht mehr auf Latein.
Das erste bewusste Kinderbuch war das »Orbis sensualium pictus« (Nürnberg, 1658). Es beschrieb das Wandern durch die Welt mit Hilfe von 200 Tafeln. Der Titel führt ein wenig in die Irre, denn das Buch ist zweisprachig geschrieben und hat sowohl eine »Invitatio« als auch eine »Einleitung«.
Telemann Olearius verfasste die »Deutsche Sprachkunst« (1630), in der Bilder zur Orientierung dienten und die Fantasie anregten. Das »A« wurde den Kindern als Aal vermitteln (ein Regenwurm mit dem Kopf einer Gans), der sich so ringelte, dass die Figur dem Buchstaben ähnelte. Das »O« war als Ohr abgebildet und das »V« logischerweise als geöffnete (Taschen-) Uhr – schließlich arbeitete Telemann Olearius noch mit dem lateinischen Alphabet.
Die Realienpädagogik des 17. Jahrhunderts veränderte den Markt des Kinder- und Jugendbuchs. Die wesentlichen Veränderungen spiegelten sich im Bedeutungsverlust des Lateinunterrichts wider. Stattdessen wurden Geschichte, Erdkunde und Naturkunde in der Schule bevorzugt. Die Adaption von Wissen war auf die kindliche Auffassungsgabe angepasst und Bilder kamen zum Einsatz. Können diese Entwicklungen noch übertroffen werden? Natürlich – und zwar in der Zeit der Aufklärung.
Dienstag, 16. November 2010
Das Kinder- und Jugendbuch – Das 16. Jahrhundert
Wie sieht das 16. Jahrhundert aus? Gibt es hier schon Kinder- und Jugendbücher? Jein, denn dafür fehlte bislang das richtige Bewusstsein der Aufklärung. Kinder waren lediglich kleine Erwachsene. Es gab zwar Kinder- und Jugendbücher (ich werde dir, lieber Leser, gleich einige vorstellen), allerdings waren sie nicht auf diese Zielgruppe abgestimmt. Es waren eben Bücher für kleine Erwachsene.
Der erste Bestseller erschien in der Sparte der religiösen Unterweisung: Der Katechismus von Martin Luther wurde als Buch in Dialogform gedruckt. Auf eine religiöse Frage gab es eine passende Antwort, einen Kommentar und ein Bild dazu. Mit wahrscheinlich über 100.000 Büchern war die Auflage dieses Buches gewaltig – vor allem, wenn man sie in Relation zur damaligen Lesefähigkeit setzt.
Rechnen und schreiben? Kein Problem im »Ein newgeordnet Rechenbüchlein« von Jakob Köbel, das 1514 in Augsburg gedruckt worden ist. In diesem Elementarwerk behandelte Köbel alle Grundrechenarten, zudem noch das Münz- und Maßwesen.
Interessant ist die Betrachtung des ersten deutschsprachigen Buches mit Illustrationen: Es heißt »Edelstein« und gehört zu den Bamberger Frühdrucken, die 1461 erschienen sind. In diesem Werk spielen der schlaue Fuchs und die hinterlistige Schlange eine Rolle, denn es geht um Fabeln. Die Illustrationen erzählten Geschichten, die alle mit einer Moral enden. Ein Beispiel? Vater und Sohn gehen mit einem Esel auf Reise. Der Sohn sitzt auf dem Tier, bis ihnen ein Wanderer entgegenkommt und schimpft, warum denn der gesunde Junge auf dem Tier sitze und nicht sein alter Vater? Sie tauschen die Rollen und der Junge führt den Esel, bis ein anderer Wanderer kommt, der ebenfalls schimpft: »Wieso sitzt der egoistische Vater auf dem Esel und lässt das arme Kind den ganzen Weg laufen?“ Da setzen sich beide auf den Esel und reiten weiter. Was kommt nun? Natürlich ein dritter Wanderer, der wieder schimpft, dass sie viel zu schwer für das arme Tier seien. Die Moral von der Geschichte? Man kann es nie jedem rechtmachen.
Ein Tisch, auf dem ein großer Kothaufen liegt, ist typisch für den Eulenspiegel. Diese Anti-Didaxe richtete sich damals gegen alles: Gegen die Zünfte und Handwerker, gegen die vorherrschende Moral und die Verlogenheit der Gelehrten. Der Name leitet sich von der Eule ab, die für die Athene steht und ein Zeichen der Weisheit ist – ebenso wie der Spiegel. Diese Weisheit wird allerdings mit einem Holzhammer vermittelt, wie er frivoler, anstößiger, ordinärer und obszöner nicht sein könnte. Verwundert es daher, dass die Bücher ohne die Nennung eines Verlags oder eines Autors erschienen sind? Dies hinderte die Forschung bislang aber nicht daran, Theorien zur Urheberschaft zu entwickeln. Als möglicher Verfasser kommt Herman Bote, ein Zollschreiber aus Braunschweig, infrage. Es ist ein norddeutscher Text, der wegen den Typen allerdings in Straßburg gedruckt worden ist. Die Anfangsbuchstaben jedes Kapitels bilden den Namen des potentiellen Verfassers. Die erste nachweisbare Ausgabe erschien 1515 bei Grüniner, allerdings wird vermutete, dass der Eulenspiegel dort bereits 1510/11 gedruckt worden ist. Es ist ungewöhnlich, dass der Verlag und der Autor zur damaligen Zeit so weit voneinander entfernt lagen. Nun aber zum Eulenspiegel selbst: Das Buch beinhaltet 96 Geschichten und beginnt bei der Taufe und endet mit der Beerdigung von Eulenspiegel. Den Holzhammer packte der Verfasser in allen Geschichten aus. Einmal verteilte Eulenspiegel das Beste, was er jemals hervorgebracht hat: seinen eigenen Kot als Kügelchen, die er als Wundermittel verkaufte. Ein anderes Mal formte er Eulen und Meerkatzen statt den allgemein akzeptierten und anerkannten Bretzeln in der Backstube. Eulenspiegel vermittelte eine harsche Art der Erziehung, weshalb auch fraglich ist, ob er schon damals für die Kindererziehung geeignet war oder gar verwendet worden ist.
Wie ging es mit den Vorläufern der Kinder- und Jugendbüchern weiter? Die Volksbücher bedienten ein weiteres Feld. Die »Melusine« (Basel, 1475) behandelte das Märchen einer Meerjungfrau und wurde in den Volkssprachen Deutsch, Französisch und Italienisch verbreitet. In »Fortunatus« (1509, Augsburg) suchte ein Kaufmann nach seinem Glück und fand es durch sein geschicktes Handeln und Wissen. Das Buch von Johann Otmar ist mit Holzschnitten von Jörg Breu d. Ä. illustriert und erschien nachweisbar in mindestens 16 deutschen Auflagen. Somit war »Fortunatus« für mindestens drei Jahrzehnte ein Besteller.
Der erste Bestseller erschien in der Sparte der religiösen Unterweisung: Der Katechismus von Martin Luther wurde als Buch in Dialogform gedruckt. Auf eine religiöse Frage gab es eine passende Antwort, einen Kommentar und ein Bild dazu. Mit wahrscheinlich über 100.000 Büchern war die Auflage dieses Buches gewaltig – vor allem, wenn man sie in Relation zur damaligen Lesefähigkeit setzt.
Rechnen und schreiben? Kein Problem im »Ein newgeordnet Rechenbüchlein« von Jakob Köbel, das 1514 in Augsburg gedruckt worden ist. In diesem Elementarwerk behandelte Köbel alle Grundrechenarten, zudem noch das Münz- und Maßwesen.
Interessant ist die Betrachtung des ersten deutschsprachigen Buches mit Illustrationen: Es heißt »Edelstein« und gehört zu den Bamberger Frühdrucken, die 1461 erschienen sind. In diesem Werk spielen der schlaue Fuchs und die hinterlistige Schlange eine Rolle, denn es geht um Fabeln. Die Illustrationen erzählten Geschichten, die alle mit einer Moral enden. Ein Beispiel? Vater und Sohn gehen mit einem Esel auf Reise. Der Sohn sitzt auf dem Tier, bis ihnen ein Wanderer entgegenkommt und schimpft, warum denn der gesunde Junge auf dem Tier sitze und nicht sein alter Vater? Sie tauschen die Rollen und der Junge führt den Esel, bis ein anderer Wanderer kommt, der ebenfalls schimpft: »Wieso sitzt der egoistische Vater auf dem Esel und lässt das arme Kind den ganzen Weg laufen?“ Da setzen sich beide auf den Esel und reiten weiter. Was kommt nun? Natürlich ein dritter Wanderer, der wieder schimpft, dass sie viel zu schwer für das arme Tier seien. Die Moral von der Geschichte? Man kann es nie jedem rechtmachen.
Ein Tisch, auf dem ein großer Kothaufen liegt, ist typisch für den Eulenspiegel. Diese Anti-Didaxe richtete sich damals gegen alles: Gegen die Zünfte und Handwerker, gegen die vorherrschende Moral und die Verlogenheit der Gelehrten. Der Name leitet sich von der Eule ab, die für die Athene steht und ein Zeichen der Weisheit ist – ebenso wie der Spiegel. Diese Weisheit wird allerdings mit einem Holzhammer vermittelt, wie er frivoler, anstößiger, ordinärer und obszöner nicht sein könnte. Verwundert es daher, dass die Bücher ohne die Nennung eines Verlags oder eines Autors erschienen sind? Dies hinderte die Forschung bislang aber nicht daran, Theorien zur Urheberschaft zu entwickeln. Als möglicher Verfasser kommt Herman Bote, ein Zollschreiber aus Braunschweig, infrage. Es ist ein norddeutscher Text, der wegen den Typen allerdings in Straßburg gedruckt worden ist. Die Anfangsbuchstaben jedes Kapitels bilden den Namen des potentiellen Verfassers. Die erste nachweisbare Ausgabe erschien 1515 bei Grüniner, allerdings wird vermutete, dass der Eulenspiegel dort bereits 1510/11 gedruckt worden ist. Es ist ungewöhnlich, dass der Verlag und der Autor zur damaligen Zeit so weit voneinander entfernt lagen. Nun aber zum Eulenspiegel selbst: Das Buch beinhaltet 96 Geschichten und beginnt bei der Taufe und endet mit der Beerdigung von Eulenspiegel. Den Holzhammer packte der Verfasser in allen Geschichten aus. Einmal verteilte Eulenspiegel das Beste, was er jemals hervorgebracht hat: seinen eigenen Kot als Kügelchen, die er als Wundermittel verkaufte. Ein anderes Mal formte er Eulen und Meerkatzen statt den allgemein akzeptierten und anerkannten Bretzeln in der Backstube. Eulenspiegel vermittelte eine harsche Art der Erziehung, weshalb auch fraglich ist, ob er schon damals für die Kindererziehung geeignet war oder gar verwendet worden ist.
Wie ging es mit den Vorläufern der Kinder- und Jugendbüchern weiter? Die Volksbücher bedienten ein weiteres Feld. Die »Melusine« (Basel, 1475) behandelte das Märchen einer Meerjungfrau und wurde in den Volkssprachen Deutsch, Französisch und Italienisch verbreitet. In »Fortunatus« (1509, Augsburg) suchte ein Kaufmann nach seinem Glück und fand es durch sein geschicktes Handeln und Wissen. Das Buch von Johann Otmar ist mit Holzschnitten von Jörg Breu d. Ä. illustriert und erschien nachweisbar in mindestens 16 deutschen Auflagen. Somit war »Fortunatus« für mindestens drei Jahrzehnte ein Besteller.
Dienstag, 9. November 2010
Das Kinder- und Jugendbuch – Humanismus und Reformation
Es war die Zeit der Wiegendrucke, als die ersten Bestseller für den Kinder- und Jugendbuchmarkt entstanden. Doch wieso erst jetzt? Vorher hatte man quasi auf dem Rücken von Schweinen und Kühen geschrieben – zumindest bildlich gesprochen. Der Beschreibstoff Pergament bestand nämlich aus einer leicht bearbeiteten Tierhaut. Erst als das Papier aus Lumpen und später aus Pflanzenfasern nach Europa kam, verschwand das Pergament so nach und nach. Die Erfindung von Gutenberg, eigentlich Johannes Gensfleisch, ist der Buchdruck mit beweglichen Metall-Lettern. Zusammen mit dem neuen, billigen Beschreibstoff konnten die ersten Bestseller für den Massenmarkt gedruckt werden. Und diese sahen etwas anders aus als der Harry Potter, die kleine Raupe Nimmersatt oder die Zwillinge Hanni und Nanni von heute.
24 Seiten stark war die Kurzgrammatik »Ars Minor« von Aelius Donatus. Der Traum aller Lateinschüler fasste die Konjugationen eines Wortes in einer Zeile zusammen. Tabellen? Nein, platzsparend sollte das Lehrbuch von damals sein.
Wie sah der Markt in dieser Zeit aus? Wurden nur Bücher für den Lateinunterricht gedruckt? Fast. Während der Inkunabelzeit waren 90 Prozent aller gedruckten Bücher in Latein verfasst. Die restlichen zehn Prozent teilten sich in den Volkssprachen auf. Es waren vor allem Bücher für die Liturgie, die auf den Tischen der Drucker landeten, darunter vor allem Messebücher und die Evangelien. Die Lesefähigkeit lag bei unter zwei Prozent. Mit dem Humanismus setzte der Glaube an die allgemeine Bildungsfähigkeit des Menschen ein und mit der Renaissance begann die Rückbesinnung auf Texte der Antike. Und mit Hilfe von Gutenberg und dem neuen Beschreibstoff konnte die Bildung der Jugend vorangetrieben werden.
Im Zuge des Humanismus kamen viele Bücher für die fleißigen Discipuli auf den Markt. Typisch waren Abbildungen zwischen dem Lehrer und dem Schüler und Erziehungsratgeber. Sebastian Brant (1457-1521), Stadtschreiber und Jurist in Basel, veröffentlichte 1494 das »Narrenschiff«, in dem er alle Torheiten des Lebens aufzählte. Interessant ist die Abbildung des Büchernarren: Er hortet unnütze Bücher, was schlimm ist, denn unnütz ist hier mit ungelesen gleichzusetzen.
Neben Erziehungsratgebern kamen auch Anstandsbücher auf den Markt, darunter »Ein schön christlich new Spil von Kinderzucht« (Straßburg 1574). Hier wurde das Leben des braven Hänschen gezeigt, der zum Dr. Johannes wurde. Aleator hingegen, der Glücksspieler, war untauglich und landete in der Gosse. Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr.
Etwas bekannter dürfte die Methode der Negativdidaxe sein: Böse Eigenheiten, gemeine Eigenschaften und schlechtes Benehmen werden so übertrieben dargestellt, dass sie dem Kind in all ihren Konsequenzen dargestellt werden können. Der »Grobianus« (1551) von Friedrich Dedekind gehört dazu. Ein braves Kind nimmt sich beim Essen die besten Stücke zuerst, reinigt seine Zähne mit dem Messer und isst bis zum Platzen. Der Struwwelpeter und der Eulenspiegel gehören zur selben Kategorie.
Für Mädchen gab es eigene Anstandsbücher. 1493 veröffentlichte Marquardt von Stein ein Büchlein mit Tipps, wie sich eine perfekte Ehefrau zu verhalten hat.
Erste Folge verpasst, lieber Leser? Hier nachlesen: Klick!
Nächste Woche folgt die Realienpädagogik des 17. und 18. Jahrhunderts und die Zeit der Aufklärung in Deutschland.
24 Seiten stark war die Kurzgrammatik »Ars Minor« von Aelius Donatus. Der Traum aller Lateinschüler fasste die Konjugationen eines Wortes in einer Zeile zusammen. Tabellen? Nein, platzsparend sollte das Lehrbuch von damals sein.
Wie sah der Markt in dieser Zeit aus? Wurden nur Bücher für den Lateinunterricht gedruckt? Fast. Während der Inkunabelzeit waren 90 Prozent aller gedruckten Bücher in Latein verfasst. Die restlichen zehn Prozent teilten sich in den Volkssprachen auf. Es waren vor allem Bücher für die Liturgie, die auf den Tischen der Drucker landeten, darunter vor allem Messebücher und die Evangelien. Die Lesefähigkeit lag bei unter zwei Prozent. Mit dem Humanismus setzte der Glaube an die allgemeine Bildungsfähigkeit des Menschen ein und mit der Renaissance begann die Rückbesinnung auf Texte der Antike. Und mit Hilfe von Gutenberg und dem neuen Beschreibstoff konnte die Bildung der Jugend vorangetrieben werden.
Im Zuge des Humanismus kamen viele Bücher für die fleißigen Discipuli auf den Markt. Typisch waren Abbildungen zwischen dem Lehrer und dem Schüler und Erziehungsratgeber. Sebastian Brant (1457-1521), Stadtschreiber und Jurist in Basel, veröffentlichte 1494 das »Narrenschiff«, in dem er alle Torheiten des Lebens aufzählte. Interessant ist die Abbildung des Büchernarren: Er hortet unnütze Bücher, was schlimm ist, denn unnütz ist hier mit ungelesen gleichzusetzen.
Neben Erziehungsratgebern kamen auch Anstandsbücher auf den Markt, darunter »Ein schön christlich new Spil von Kinderzucht« (Straßburg 1574). Hier wurde das Leben des braven Hänschen gezeigt, der zum Dr. Johannes wurde. Aleator hingegen, der Glücksspieler, war untauglich und landete in der Gosse. Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr.
Etwas bekannter dürfte die Methode der Negativdidaxe sein: Böse Eigenheiten, gemeine Eigenschaften und schlechtes Benehmen werden so übertrieben dargestellt, dass sie dem Kind in all ihren Konsequenzen dargestellt werden können. Der »Grobianus« (1551) von Friedrich Dedekind gehört dazu. Ein braves Kind nimmt sich beim Essen die besten Stücke zuerst, reinigt seine Zähne mit dem Messer und isst bis zum Platzen. Der Struwwelpeter und der Eulenspiegel gehören zur selben Kategorie.
Für Mädchen gab es eigene Anstandsbücher. 1493 veröffentlichte Marquardt von Stein ein Büchlein mit Tipps, wie sich eine perfekte Ehefrau zu verhalten hat.
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Nächste Woche folgt die Realienpädagogik des 17. und 18. Jahrhunderts und die Zeit der Aufklärung in Deutschland.
Dienstag, 26. Oktober 2010
Das Kinder- und Jugendbuch – Eine kleine Einleitung
Mit diesem Post starte ich eine kleine Serie, die sich mit der Geschichte und Gegenwart des Kinder- und Jugendbuchs beschäftigt. Da ich selbst immer noch sehr gerne in Bilderbüchern schmökere, Kinderbücher lese und auch die Literatur für Jugendliche nicht verschmähe, liegt mir das Thema sehr am Herzen, und ich hoffe, dass du, lieber Leser, im Laufe dieser Serie ebenfalls dieses Genre für dich entdecken wirst.
Laut einer Studie von Booktrust werden Kinder- und Jugendbücher zu 95 Prozent von Erwachsenen gekauft. Daraus ergibt sich die interessante Fragestellung, für wen nun die Verlage eigentlich das Buch konzipieren sollen: Soll das Cover, der Inhalt, die Gestaltung die Erwachsenen als Käufergruppe ansprechen? Oder doch eher die Lesergruppe, für die die Bücher geschrieben worden sind? Wie sieht der Spagat aus, um beide zu erreichen? Piraten und rosa Ponys mit einem Bildungshintergrund und zweisprachig?
Die Überlegungen gehen weiter, wenn die Umsatzanteile nach Warengruppen betrachtet werden. Im Jahr 2008 lag er bei 14,6 Prozent und 2009 stieg er auf 15,7 Prozent im Bereich des Kinder- und Jugendbuchs an. Eine Steigerung? Wirklich? Die Statistik muss zu Recht kritisch betrachtet werden, weitet sich doch die Definition des Kinder- und Jugendbuches stark aus. Wo soll eine Grenze gesetzt werden? Ist eine 14-Jährige noch ein Kind oder eine Jugendliche? Ist ein 18-Jähriger noch Jugendlicher oder ein Erwachsener? Genauso individuell wie das gefühlte Alter ist auch der Lesegeschmack. Ich selbst habe mit zwölf Jahren meinen ersten Stephen King gelesen, kenne aber auch Jungs, die in der Oberstufe mit Goethe konfrontiert worden sind, obwohl sie bis dahin nur Karl May gelesen hatten. Winnetou und Old Shatterhand werfen wiederum die Frage in den Raum, wie Bücher bewertet werden sollen, die für Erwachsene geschrieben worden sind, aber von Kindern verschlungen werden. Umgekehrt geht das natürlich auch – das Phänomen heißt »All-Age-Literatur« ist spätestens seit Harry Potter und der Biss-Serie von Stephenie Meyer in aller Munde, obwohl die Anfänge weiter zurückreichen. Zu »Momo« und »Die unendliche Geschichte« von Michael Ende oder auch »Sofies Welt« von Jostein Gaarder. Alles Kinder- und/oder Jugendbücher, die gerne von Erwachsenen verschlungen werden.
Für den Buchmarkt ist das Segment durchaus attraktiv. Der Branchen-Monitor BUCH des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels hat festgehalten, dass die Umsatzveränderungen von August 2009 bis August 2010 im Bereich Kinder- und Jugendbuch um 6,9 Prozent zugenommen haben. Die Altersstruktur der Käufer deckt sich mit den Zahlen von Booktrust: 25 Prozent sind männlich, 75 Prozent weiblich und von ihnen sind nur 7,7 Prozent jünger als 20 Jahre. Ergo entspricht die Käufergruppe auch hier nicht der Lesergruppe. 27,9 Prozent sind zwischen 21 und 40 Jahren, 47,5 Prozent zwischen 41 und 60 Jahren und 16,9 Prozent sind älter als 61 Jahre.
All diese Fragen zur Definition und zur aktuellen Entwicklung führen zu der Vorahnung, dass das Thema einen langen Rattenschwanz mit sich ziehen könnte. Ich stimme dem zu, lieber Leser, und hoffe, dir einen Teil davon zeigen zu können. Angefangen von der Erziehung des »kleinen Erwachsenen«, dem Wandel des Kindheits-Verständnisses während der Aufklärung bis hin zum modernen, digitalen Bilderbuch. Vom Struwwelpeter, der Backfischliteratur, der Biene Maja, Erich Kästner, Pippi Langstrumpf und Mangas werden meine nächsten Posts handeln.
Zum Abschied ein kurzer Film, wie Alice im Wunderland heute aussehen kann.
Laut einer Studie von Booktrust werden Kinder- und Jugendbücher zu 95 Prozent von Erwachsenen gekauft. Daraus ergibt sich die interessante Fragestellung, für wen nun die Verlage eigentlich das Buch konzipieren sollen: Soll das Cover, der Inhalt, die Gestaltung die Erwachsenen als Käufergruppe ansprechen? Oder doch eher die Lesergruppe, für die die Bücher geschrieben worden sind? Wie sieht der Spagat aus, um beide zu erreichen? Piraten und rosa Ponys mit einem Bildungshintergrund und zweisprachig?
Die Überlegungen gehen weiter, wenn die Umsatzanteile nach Warengruppen betrachtet werden. Im Jahr 2008 lag er bei 14,6 Prozent und 2009 stieg er auf 15,7 Prozent im Bereich des Kinder- und Jugendbuchs an. Eine Steigerung? Wirklich? Die Statistik muss zu Recht kritisch betrachtet werden, weitet sich doch die Definition des Kinder- und Jugendbuches stark aus. Wo soll eine Grenze gesetzt werden? Ist eine 14-Jährige noch ein Kind oder eine Jugendliche? Ist ein 18-Jähriger noch Jugendlicher oder ein Erwachsener? Genauso individuell wie das gefühlte Alter ist auch der Lesegeschmack. Ich selbst habe mit zwölf Jahren meinen ersten Stephen King gelesen, kenne aber auch Jungs, die in der Oberstufe mit Goethe konfrontiert worden sind, obwohl sie bis dahin nur Karl May gelesen hatten. Winnetou und Old Shatterhand werfen wiederum die Frage in den Raum, wie Bücher bewertet werden sollen, die für Erwachsene geschrieben worden sind, aber von Kindern verschlungen werden. Umgekehrt geht das natürlich auch – das Phänomen heißt »All-Age-Literatur« ist spätestens seit Harry Potter und der Biss-Serie von Stephenie Meyer in aller Munde, obwohl die Anfänge weiter zurückreichen. Zu »Momo« und »Die unendliche Geschichte« von Michael Ende oder auch »Sofies Welt« von Jostein Gaarder. Alles Kinder- und/oder Jugendbücher, die gerne von Erwachsenen verschlungen werden.
Für den Buchmarkt ist das Segment durchaus attraktiv. Der Branchen-Monitor BUCH des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels hat festgehalten, dass die Umsatzveränderungen von August 2009 bis August 2010 im Bereich Kinder- und Jugendbuch um 6,9 Prozent zugenommen haben. Die Altersstruktur der Käufer deckt sich mit den Zahlen von Booktrust: 25 Prozent sind männlich, 75 Prozent weiblich und von ihnen sind nur 7,7 Prozent jünger als 20 Jahre. Ergo entspricht die Käufergruppe auch hier nicht der Lesergruppe. 27,9 Prozent sind zwischen 21 und 40 Jahren, 47,5 Prozent zwischen 41 und 60 Jahren und 16,9 Prozent sind älter als 61 Jahre.
All diese Fragen zur Definition und zur aktuellen Entwicklung führen zu der Vorahnung, dass das Thema einen langen Rattenschwanz mit sich ziehen könnte. Ich stimme dem zu, lieber Leser, und hoffe, dir einen Teil davon zeigen zu können. Angefangen von der Erziehung des »kleinen Erwachsenen«, dem Wandel des Kindheits-Verständnisses während der Aufklärung bis hin zum modernen, digitalen Bilderbuch. Vom Struwwelpeter, der Backfischliteratur, der Biene Maja, Erich Kästner, Pippi Langstrumpf und Mangas werden meine nächsten Posts handeln.
Zum Abschied ein kurzer Film, wie Alice im Wunderland heute aussehen kann.
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