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Freitag, 14. Dezember 2012

Rezension – Benedict Wells: »Fast genial«

So ein junger Autor? Und so jung schon bei Diogenes? Nicht zuletzt auch in den Feuilletons? Selbst wenn ich seine ersten Werke verpasst haben, sorgte die Pressemaschinerie doch dafür, dass der Name Benedict Wells mir bekannt war. Und so schnappte ich mir »Fast genial« in der Bücherei, als sich mir die Gelegenheit bot.

Inhalt
Francis ist fast 18 Jahre alt und sein Leben ist an einem Wendepunkt angelangt: Er erlebte den sozialen Abstieg mit, als seine alleinerziehende Mutter ihren Job verlor und dadurch in einen heruntergekommenen Trailerpark in New Jersey umziehen mussten. Kurz darauf landete sie in der Psychiatrie. Nach einem Selbstmordversuch erfährt Francis, wie er entstanden ist und macht sich mit seinem besten Freund Grover und seiner Freundin Anne-May auf die Suche nach seinem Vater.

Meinung (Ohne Spoiler) Das Buch erzählt die abenteuerliche Reise von Francis und seinen Freunden, die mit dem Auto quer durch Amerika fahren. Die Idee hinter der Geschichte des Vaters entspringt einer wahren Begebenheit. Benedict Wells schafft es wunderbar, zwischen allen Unsicherheiten seiner Hauptfigur zu balancieren: Ist Francis ein Versager? Ein Genie? Wer ist sein Vater und wie wird er auf ihn reagieren? Löst seine Herkunft all seine Probleme? Und was ist mit seinem immer wiederkehrenden Traum über ein Roulette im Casino?
Dasselbe Schwanken entspinnt sich zwischen Francis, Grover und vor allem Anne-May. Bis zum Schluss bleibt unklar, wie sich das Dreiergespann entwickeln wird.
Der Stil ist leicht zu lesen, die Handlung baut ein gutes Tempo auf, gewürzt mit spannenden Entwicklungen der Charaktere. Allerdings bleibt alles in allem etwas zu oberflächlich, viele Worte und Möglichkeiten unangetastet, die Reise unscheinbar. Bei mir entstand dadurch der Eindruck, lediglich die Fassade eines heutigen Amerikas vor mir zu haben und gerade durch den Hintergrund des Autors stellte sich mir oft die Frage, wie real die Schilderungen aus dem Trailerpark nun wirklich sind (auch wenn Benedict Wells für den Roman eine Reise durch die USA gemacht hat).

Meinung (mit Spoiler)
Etwas ernüchtert war ich, als ich einen Artikel zur Samenbank der Genies fand, der fast genau die Handlung des Romans aufzeichnete. Die Parallelen waren unübersehbar.
Trotzdem hat mir die Ausarbeitung von Benedict Wells gefallen: Dieses verrückte Roadmovie, die verquere Beziehung zwischen Francis und Anne-May, sein ständiges Schwanken zwischen Verlierer und Gewinner. Nicht zuletzt das Ende war meiner Meinung nach perfekt: Alle Möglichkeiten, die sich für Francis boten, zeichnete Wells auf und ließ die Wahl für den Leser offen. Welches ich mir gewünscht hätte? Ich weiß es wirklich nicht, aber genau dieser Gedanke gefällt mir; dass die endgültige Lösung für Francis in all der Unsicherheit und dem Schwanken niemals festgelegt wird.

Fazit Eine leichte Lektüre mit spannenden Figuren: Überraschende Wendungen und interessante Ideen, die gut herausgearbeitet sind, machen den dritten Roman von Benedict Wells zu einem Roadmovie-Schmöker. Die leichte Oberflächlichkeit, die ich ihm unterstelle, habe ich ihm gerne verziehen.



Benedict Wells
»Fast genial«
Diogenes, 336 Seiten, 19,90 Euro
ISBN: 978-3257067897
Erschienen am 23. August 2011

Freitag, 28. September 2012

Rezension – Olga Grjasnowa: »Der Russe ist einer, der Birken liebt«

Ich hielt das Börsenblatt in den Händen, am Tag, nachdem die Longlist für den Deutschen Buchpreis verkündet worden ist. Begierig blätterte ich weiter und weiter, bis ich endlich auf die ausführliche Besprechung aller nominierten Titel stieß. Mein Blick blieb sofort an einer Kandidatin hängen, die blass, zart und fast durchscheinend den Betrachter fixierte, die Lippen dunkelrot. Ich las die Zusammenfassungen und blieb wieder hängen – dieses Mal an ihrem Roman. Zwei Wochen später hielt ich ihn in den Händen und war gespannt, ob der Titel für die Shortlist oder vielleicht sogar für den Buchpreis taugen könnte.



Inhalt 
Die Hauptfigur in Olga Grjasnowas Roman »Der Russe ist einer, der Birken liebt« heißt Maria, wird aber Mascha genannt. Sie ist sehr jung und ehrgeizig, möchte als Dolmetscherin Karriere bei der UNO machen, spricht Deutsch, Englisch, Französisch, Russisch und Arabisch, ist Jüdin, Aserbaidschanerin und lebt in Frankfurt. Sie wohnt mit Elias zusammen, den sie sehr liebt, aber auch auf Distanz hält. Es kommt zu Konflikten, weil Mascha ihm nichts von ihrer Kindheit in Aserbaidschan erzählen möchte und sich ihm immer mehr verschließt. Als Elias einen Unfall hat und nach langer Zeit an seinen Verletzungen stirbt, gerät die traumatisierte Mascha immer mehr außer Kontrolle, testet ihre Grenzen und verliert sich schließlich in ihrer Trauer auf der Flucht in Israel.

Meinung (Ohne Spoiler) Mitten im Buch musste ich irgendwann enttäuscht die Augen schließen. Nicht, weil die Geschichte mich nicht überzeugt hätte, unlesbar oder schlecht geschrieben wäre. Nein, weil ich begriff, dass die Autorin unmöglich auf die Shortlist kommen würde. Das Grundmotiv des Romans, die Sprachlosigkeit, ähnelte zu sehr derselben Sprachlosigkeit, wie ich sie in Kathrin Schmidts Roman »Du stirbst nicht« erlebt habe. Der einzige Unterschied? Bei Olga Grjasnowas Buch war die Sprachlosigkeit psychischer Natur, bei Schmidt körperlich.

Dennoch sog ich den Roman und seine Geschichte auf. Da ich selbst bilingual und wurzellos aufgewachsen bin, faszinieren mich solche Themen immer. Sprachen sind ein sehr spannendes Gebiet, und die Autorin treibt es hier auf die Spitze: Mascha erlebt schon früh die Macht der Sprache, wird Dolmetscherin, um sich wehren zu können, um nicht mehr sprachlos zu sein. Trotzdem kann sie nicht darüber sprechen, was sie in ihrer Kindheit im Kriegsgebiet erlebt hat. Sie baut zu allen eine Distanz auf und entfernt sich zunehmend vom Leser, ist nicht greifbar, ihre Reaktionen unberechenbar und immer unkontrollierter.


Indem sie immer genau das Gegenteil von dem tut, was sie eigentlich möchte, spürt man als Leser ihre Zerrissenheit: Sie möchte trauern, betäubt ihren Schmerz aber. Sie möchte zu UNO, verliert dieses Ziel und lässt sich auf eine schlechter gestellte Stellung in Israel ein. Sie möchte Frieden und ihre Freunde um sich haben, zieht aber in das ebenso zerrissene Kriegsgebiet Israel, weit weg von ihren Freunden, die für sie eigentlich Heimat bedeuten. Sie will Ruhe, ist aber keinem Streit abgeneigt, möchte ihr Trauma verarbeiten, fügt aber letztlich anderen durch ihr Verhalten immer wieder Schmerzen zu.

Und sie reflektiert nicht. Mascha erlebt und erlebt, ohne wirklich zu leben, ist rastlos und nicht vorhersehbar, wie auch die komplette Handlung. Olga Grjasnowa hat mit »Der Russe ist einer, der Birken liebt« ein wahnsinnig spannendes Debüt geschaffen. Lediglich ihre geschichtlichen Ausflüge fand ich anstrengend. Sie mischte alle Konflikte zusammen: Russen, Armenier, Aserbaidschaner, Libanesen, Israelis, Christen, Juden, Moslems und für meinen geringen Kenntnisstand zum Konflikt in Aserbaidschan waren die Erklärungen zu oberflächlich.

Meinung (mit Spoiler) Neben der Sprache war die Heimatlosigkeit ein Thema. Hier glänzte der Roman durch Humor im alltäglichen Rassismus und nachdenklichen Passagen. Einer der Gedanken, der mich berührt hat, war die Erklärung von Maschas bestem Freund Cem, warum er mit dem Dolmetscherstudium angefangen habe. Er dachte an den Tag zurück, als er sich zum ersten Mal anders gefühlt hatte, sich als Migrant gesehen hat. Es war der Tag, als ein junger Franzose zu ihm in die Klasse kam. Obgleich er kein Wort Deutsch sprach, wurde er von den Lehrerinnen umschwärmt. Den anderen Migranten in der Klasse traute man hingegen nicht mal den Sprung auf das Gymnasium zu.

Auch die Rollen, die Mascha immer wieder durch ihre Sprachen spielen konnte, waren spannend zu beobachten. Ihr libanesischer Dialekt wurde ganz erstaunt gelobt, traute man der hellhäutigen Aserbaidschanerin doch kein Arabisch zu. Und das sie als Jüdin kein Hebräisch, aber Arabisch sprach, verwirrte manch andere noch mehr und führte in Israel oft zu Konflikten.

Nicht alle Gedanken und Anekdoten sind originell – beispielsweise der Auffahrunfall in Frankfurt – doch andere Beschreibungen, Vergleiche und Schlussfolgerungen machten das wieder gut.

Fazit 
Olga Grjasnowa hat mit »Der Russe ist einer, der Birken liebt« ein spannendes Debüt hingelegt, das für mich die spannenden Themen Sprachen, Sprachlosigkeit, Heimatlosigkeit und die Verarbeitung von Trauer aufgreift. Zudem rührt sie in einem bunten Potpourri aus fremden, exotischen Kulturen, Religionen, Ländern, geschichtlichen Ereignissen. Im Mittelpunkt steht Mascha, die unheimlich zerrissen ist und sich am Ende verliert. Ich halte es wie Elmar Krekeler in seiner Welt-Rezension: Auch ich möchte Mascha trösten und in den Arm nehmen, bin mir allerdings auch sicher, dass sie es weder wollen noch mögen würde.

Olga Grjasnowa
»Der Russe ist einer, der Birken liebt«
Carl Hanser Verlag, 288 Seiten, 18,90 Euro
ISBN: 978-3446238541
Erschienen am 06.Februar 2012

Montag, 27. August 2012

Rezension – Kristin Cashore: »Die Flammende«

Rote Haare, locker in einen Zopf geflochten: Dem Buchcover von »Die Flammende« von Kristin Cashore konnte ich wirklich nicht widerstehen. Noch dazu hat mir »Die Beschenkte« von ihr gut gefallen. Dieser Roman hier auch?

Inhalt
Die Hauptfigur ist ein junges Mädchen namens Fire. Sie ist etwas Besonderes, denn sie ist das einzige menschliche Monster im Königreich Dells. In diesem Königreich leben nicht nur Tiere und Menschen, sondern auch Monster: Es gibt Katzenmonster, Vogelmonster, Stechmückenmonster, Tigermonster. Allen gemein ist, dass sie das Fleisch von anderen Monstern lieben und schreiend bunt sind. Durch ihr Aussehen betören sie andere Lebewesen. Fire hat flammend rote Haare, die jeden Mann und jede Frau wahnsinnig machen, wenn sie es offen trägt. Außerdem kann sie in das Bewusstsein anderer Lebewesen eindringen. Fire ist einer Verschwörung auf der Spur, denn jemand will den jungen König Nash stürzen. Trotz der moralischen Probleme, die ihre Gabe ihr bereit, beschließt Fire zur Hauptstadt zu reisen … mit dem gutaussehenden Bruder des Königs, dem Heerführer Brigan, der sie zu hassen scheint.

Meinung (Ohne Spoiler)
Leider hat das Buch meine Erwartungen, die ich durch »Die Beschenkte« hatte, nicht erfüllt. Die Geschichte ist sehr schematisch aufgebaut, die Hauptfigur erlebt nur oberflächlich eine Wandlung und zwischenmenschlich passiert wenig: Die Beziehung zwischen Fire und Brigan bleibt bis zum Schluss farblos. Kapitel für Kapitel hangelt sich die Autorin in der Geschichte voran und mit jedem neuen Abschnitt scheint sie eine »Weiterentwicklung« der Hauptfigur abgehakt zu haben: Fire wird sich bewusst, dass sie etwas Grandioses begriffen hat. Und weiter geht die Handlung. Doch zum Umsetzen der neuen Erkenntnisse langt es dann leider nicht. Die unsichere Fire – die eigentlich gut mit dem Bogen umgehen kann – muss dauernd gerettet werden und ist trotz ihrer Kräfte hilflos. Und wie lernen sich Fire und Brigan überhaupt kennen? Eigentlich überhaupt nicht. Ein paar Spaziergänge, oberflächliche Gespräche, nichts weiter. Die Intrigen werden aufgeblasen, doch eigentlich passiert nichts Überraschendes. So plätschert die Handlung dahin, so glatt und reizlos, wie Fire selbst eigentlich ist. Die Flammende? Mitnichten.

Fazit
Das einzige Flammende in diesem Buch waren wohl Fires Monatsblutungen. Die Geschichte und die Charaktere in »Die Flammende« sind eindimensional, reizlos und viel zu brav. Warum eigentlich? Die Autorin Kristin Cashore hätte so viel aus der Geschichte herausholen können. Fire hätte ein starker Charakter werden können, der sich aus den Klauen der Vergangenheit losreißt und glücklich wird – trotz ihres Problems (Schönheit als Fluch). Stattdessen jammert sie, hat Angst und lässt sich retten. Nein danke, ohne mich.



Kristin Cashore
»Die Flammende«
Carlsen Verlag, 510 Seiten, 19,90 Euro
ISBN: 978-3551582119 
Erschienen im Januar 2011

Montag, 30. Juli 2012

Rezension – Cat Patrick: »Die 5 Leben der Daisy West«

Selten hat mich ein Buchtrailer im Nachhinein so sehr befremdet wie der zu dem Jugendbuch von Cat Patrick. Der Film zu »Die 5 Leben der Daisy West« verspricht einen lustigen Roman mit einem ernsten Thema: Leben und Tod. Zum Glück war ich vorbereitet, denn Daisy West ist alles andere als eine spaßige, leichte Sommerlektüre. Sie ist wesentlich mehr und ein spannendes Debüt der Autorin!

Inhalt
Die Hauptfigur Daisy West nimmt an einem geheimen Projekt teil, das ein Medikament an ihr testet. Jedes Mal, wenn Daisy stirbt, wird sie mit Revive wieder zurück ins Leben geholt. Allerdings muss sie jedes Mal ein komplett neues Leben anfangen, ihre Identität und ihren Wohnort wechseln. Mittlerweile ist sie 15 Jahre alt, als sie nach einem tödlichen Bienenstich in Omaha landet, gemeinsam mit Mason und Cassie, ihren Adoptiveltern und Agenten des Revive-Programms. Dieses Mal will Daisy es anders machen, möchte keine Einzelgängerin mehr sein und freundet sich mit Audrey an, verliebt sich in ihren Bruder Matt und genießt das neue Leben als Daisy West in vollen Zügen … bis sie von Schatten eingeholt wird.

Meinung (Ohne Spoiler)
Die Autorin Cat Patrick wirft interessante Fragen auf. Sie springt nicht auf den Zug der Unsterblichkeit auf, sondern kreiert ein Szenario, in dem Daisy aus dem Tod zurückgeholt werden kann – solange ihr Körper unversehrt bleibt (ertrinken, ersticken und allergischer Schock funktioniert, Krankheiten, Genickbruch und Verbrennungen nicht). Wie lebt ein Mädchen ihr Leben, wenn sie jedes Mal zurückgeholt werden könnte? Sie hat mehrere Leben und muss nach jedem Tod neu anfangen, ist wurzellos und hat keine richtige Familie. Weitere Fragen stellen sich im Lauf der Geschichte: Wie reagiert man auf den endgültigen Tod? Was ist echte Trauer, was echtes Leben? Wie ist das Revive-Programm zu bewerten? Ist es moralisch vertretbar?
Der Roman hat mir gefallen, weil Daisy eine klare Entwicklung durchmacht (auch wenn sie vorhersehbar und nicht immer ganz nachvollziehbar ist). Insgesamt hätte der Roman aber wesentlich mehr Potential gehabt, stellenweise gingen mir die Entwicklungen viel zu schnell – vor allem die Freundschaft zu Audrey, die viel zu leicht ging und zu schnell unglaubwürdig-amerikanisch sehr intensiv war. Hier hätte ich mir mehr Tiefe gewünscht.
Ganz furchtbar fand ich teilweise die Dialoge, und da vor allem der übermäßige Einsatz von »Danke« – »Bitte«-Konstruktionen, die immer nach demselben Schema abliefen.

»Willkommen an unserer Schule« – »Danke«, antworte ich. (Seite 34)
»Coole Schuhe.« – »Danke«, erwidere ich. (Seite 36)
»Ich mag deine Frisur.« – »Danke«, antwortet sie. (Seite 36)
»Tolles Auto«, sage ich. »Danke«, antwortet sie. (Seite 40)
»Cooles Sweatshirt.« – »Danke«, erwiderte er und lächelte kurz. (Seite 72)

Das ist nur eine kleine Auswahl. Bei der Gelegenheit ist mir gerade auch der Zeitfehler aufgefallen. Leider ist das Buch insgesamt eher mittelmäßig lektoriert und hat viele Tippfehler und Dreher drin.

Meinung (mit Spoiler)
Sehr überraschend kam für mich die Entwicklung mit Audrey. Krebs im Endstadium – da hat sich Daisy genau die richtige erste, beste Freundin ausgesucht. In der Geschichte selbst spiegeln sich beide Charaktere ganz gut: Fünf Leben, ein halbes. Zurückgekehrt von den Toten, dem Tode geweiht. Aus diesem Gegensatz hätte man mehr herausholen können. So hat sie ihre erste beste Freundin innerhalb eines Monats kennen gelernt und verloren. Kann so schnell so eine enge Verbindung aufgebaut werden?
Auch Matts Entwicklung fand ich nicht immer rund gestaltet. Klar, Daisy war sehr schnell verliebt, aber Matts Empfindungen blieben unerwähnt. Viele Spaziergänge und Treffen blieben ohne ernsthafte Gespräche (auch wenn er drei Stunden fährt, um sie von einer Party abzuholen?!). Erst nach dem Tod von Audrey zeigt sich die Stärke des Romans: Die Verarbeitung von Trauer – und wie unterschiedlich die Charaktere mit ihr umgehen.

Fazit
Ich konnte das Buch nicht aus der Hand legen: Thematisch ist es äußerst reizvoll und spannend gestaltet. Leben und Sterben, und die Verarbeitung von Trauer – das sind die großen Themen des Romans und seine Stärken. Schwach hingegen sind der Aufbau der Dialoge und die Ausarbeitung der Figuren. Bei »Die 5 Leben der Daisy West« hätte ich mir eindeutig mehr Längen gewünscht, mehr Tiefe, mehr Entwicklung. Dann wäre es ein richtig tolles Buch geworden.





Cat Patrick
»Die 5 Leben der Daisy West«
Boje, 301 Seiten, 14,99 Euro
ISBN: 978-3414820617
Erschienen am 20. Juli 2012

Freitag, 20. Juli 2012

Speed-Review – Lese-Rezension auf Zeit

Ich experimentiere ja sehr gerne, vor allem wenn es um neue Ideen geht. Eine davon möchte ich Euch heute vorstellen. Es geht um eine neue Art der Rezension, die schnell, anders und kurzweilig ist. twitter war dafür eine nette Inspirationsquelle, aber auch die gegenwärtige Diskussion um Social Reading.

Auf twitter ist es schon seit längerem bei vielen Lesern eine Gewohnheit geworden, während des Lesens Eindrücke des Buches zu zwitschern. Auch beim Social Reading geht es um den gemeinsamen Lesegenuss. Warum nicht daraus eine Art Rezension stricken? Während des Lesens, chronologisch und voller Spoiler?

Ich wage das Experiment mit einem Buch, das ich mir als Belohnung für fast drei Monate Studiumsstress gekauft habe: Robert Kirkmans Roman »The Walking Dead«. Ja, es hat etwas mit der TV-Serie und mit dem Comic zu tun. Und ja, Kirkman ist der Comicbuchautor. Da ich schon seit einigen Jahren eine große Zombiefilm-Liebe pflege und ich die Serie mag, wollte ich mir die Vorgeschichte vom Governor sehr gerne vorknöpfen. Wer das Buch noch nicht gelesen hat und nicht bespoilert werden möchte, sollte nach dem Cut nicht weiterlesen. Die Speed-Review werde ich so zeitnah wie möglich aktualisieren. Viel Spaß :)

Freitag, 29. Juni 2012

Rezension – Charlie Huston: »Stadt aus Blut«

Wer mich kennt weiß, dass ich eine große Schwäche für Horror habe, speziell für Zombiefilme. Als ich das Cover von »Stadt aus Blut« von Charlie Huston entdeckte, wurde ich sofort in diese gruslige Vorfreude versetzt: Ein blutige Hand, die sich über den Titel nach unten zieht und dabei deutliche Spuren hinterlässt. Wie viel Zombie steckt nun zwischen den Buchdeckeln?

Inhalt
Joe Pitt ist ein Vampyr, ein Unabhängiger und ein Privatdetektiv, der in New York lebt. Die Menschen wissen nichts von der Existenz der Untoten und nach dem Willen der Vampyr-Clans, die die Stadt unter sich aufgeteilt haben, soll das auch so bleiben. Joe Pitt sorgt dafür, dass das Geheimnis bewahrt bleibt, indem er oft Drecksarbeiten erledigt – beispielsweise Zombies unschädlich machen, bevor sie auffallen. Während eines Streifzugs gerät er in die Fängen einer Intrige der Clans und muss nicht nur einen Zombieüberträger finden, sondern auch noch ein verschwundenes Mädchen.

Meinung (Ohne Spoiler)
Charlie Huston verpackt einen Kriminalfall in seinem knallharten Szenario. Es ist ein Vampirroman, wie er derzeit eher untypisch ist: Keine überirdisch schönen Charaktere, keine tränenschürenden Liebesgeständnisse, keine romantischen Verwicklungen. Joe Pitt ist ein ganz normaler Kerl, der als unabhängiger Vampyr um das Überleben kämpft, einem infizierten Mädchen ohne zu zögern das Genick bricht und in eine enorm große Klappe hat. Die Dialoge sind zynisch, unzensiert, hart. Die Handlung zieht den Leser rasch in die Unterwelt von Manhattan ein und ziemlich bald fließt das Blut in Strömen. Der Roman »Stadt aus Blut« vereint einen ungeschönten Kriminalfall mit klugen Horrorszenarien. Leider ist die Auflösung etwas einfacher geworden als erwartet, dem Lesevergnügen tat dies allerdings keinen Abbruch.

Fazit
Quentin Tarantino hätte seinen Spaß mit diesem Roman: Viel Blut, Zombies und mächtige, sich bekriegende Vampirclans bilden ein interessantes Szenario, kombiniert mit einer schnellen, harten Sprache und einem schwarzen Humor, der Spaß macht, sodass kleine Ungereimtheiten in der Handlung großzügig überlesen werden können.




Charlie Huston
»Stadt aus Blut«
Heyne, 320 Seiten, 7,95 Euro
ISBN: 978-3453675278
Erschienen im Mai 2007

Montag, 4. Juni 2012

Rezension – Mike Lancaster: »0.4 – Eine perfekte neue Welt«

Ich liebe Bücher, die zeigen, wie sich eine Gesellschaft in naher Zukunft positiv entwickeln könnte. Vor allem aber liebe ich das Gegenteil: Dystopien zeigen eine Anti-Utopie auf. Sie stellen dar, wie sich alles zum Negativen hin entwickelt. Deshalb griff ich mir Mike Lancasters Debütroman »0.4 – Eine perfekte neue Welt«, um herauszufinden, wie der Autor seine Sicht der Zukunft dargestellt hat.

Inhalt
In einer weit entfernten Zukunft werden normale Hörspielkassetten gefunden, auf denen die Geschichte von Kyle Straker aufgezeichnet ist. Er berichtet aus einer uns vertrauten Welt und Zeit und schildert, wie sich die Welt innerhalb weniger Augenblicke komplett verändert hat. Nachdem er und drei Bekannte während einer Talentshow in einem englischen Dorf hypnotisiert werden, wachen sie in einer völlig veränderten Welt auf. Sie sind zu Außenseitern geworden und müssen sich mit vielen Fragen auseinandersetzen: Können sie in dieser neuen Welt leben? Was ist real?

Meinung (Ohne Spoiler)
»0.4 – Eine perfekte neue Welt« zeigt eine sehr einfache neue Welt auf: Sie wird nur am Rande beschrieben und angerissen. Die Handlung ist sehr einfach, wenig mysteriös und hat keine Nebenhandlungen. Zielgerichtet steuert der Leser auf die Lösung des Rätsels zu, das aber auch nicht ganz erklärt wird. Die Hintergründe bleiben unklar und verlieren sich in Mutmaßungen.
Alles in allem präsentiert Mike Lancaster eine sehr oberflächliche Geschichte. Die Figuren sind platte Stereotypen, die sich nur oberflächlich mit der neuen Situation auseinandersetzen. Gerade für Jugendliche, die sich diesem spannenden Thema stellen wollen, ist eine Identifikation wichtig, hier aber leider kaum möglich. Die Erwähnung von Facebook, Twitter oder Apple-Produkten reicht für eine Identifikation leider nicht aus.
Lediglich die Anmerkungen des Herausgebers zu der gehörten Geschichte sind witzig, erscheinen aber stellenweise auch unausgearbeitet zu sein: Wieso wird jene menschliche Eigenart wissenschaftlich penibel erklärt, andere hingegen jedoch nicht?

Meinung (mit Spoiler)
Gerade die Anmerkungen spiegeln wieder, wie die neue Gesellschaft denkt und funktionieren könnte. Allerdings sind die Anmerkungen dafür zu verstreut und wahllos gesetzt. Und wenn es um die Erschaffung der perfekten neuen Welt geht, in der keine Verbrechen mehr möglich sind – warum Identifizieren sich die Herausgeber zum Schluss so mit Kyles Geschichte? Woher kommt in dieser klinisch-neuen Welt plötzlich diese Solidarität her?

Fazit
Gute Idee, leider nur sehr oberflächlich umgesetzt. Die Unterschiede der verschiedenen Gesellschaften werden nicht gut vermittelt, die Charaktere sind oberflächlich und setzen sich nicht intensiv mit ihrer neuen Welt auseinander. Auch bleiben alle Hintergründe im Dunkeln – und eigentlich mag ich das Argument nicht, dass man die Lücken mit der eigenen Fantasie füllen soll. Das ist für mich lediglich die Rechtfertigung mittelmäßiger Schriftsteller für die Lösung ihrer eigenen Probleme, eine Erklärung zu finden.



Mike Lancaster
»0.4 – Eine perfekte neue Welt«
Oetinger, 272 Seiten, 14,95 Euro
ISBN: 978-3789141201
Erschienen im September 2011

Freitag, 30. September 2011

Rezension – P. C. Cast/Kristin Cast: »House of Night 1: Gezeichnet«

Wann hat die Sache mit den Internatsgeschichten eigentlich angefangen? Bei mir auf alle Fälle bei Enid Blyton und ihrer Hanni und Nanni-Serie (und ein Paar Dolly-Bänden). Es folgte die Zauberer-Version mit Harry Potter, und nun waren die Vampire dran mit der House of Night-Serie. Der erste Band von P. C. Cast und Kristin Cast heißt »Gezeichnet« und ich war gespannt, wie das Internatskonzept hier umgesetzt wurde.

Freitag, 16. September 2011

Rezension – Maggie Stiefvater: »Lamento. Im Bann der Feenkönigin«

Ich hab es mal mitgenommen: »Lamento. Im Bann der Feenkönigin« von Maggie Stiefvater. Eigentlich aus drei Gründen: Erstens fand ich das Buchcover interessant (wenn auch nicht originell), das ein verträumtes, rothaariges Mädchen mit grünen Augen zeigt. Zweitens, weil der Name der Autorin immer mal wieder durch die Blogosphäre geistert, und drittens, weil ich noch nie ein Buch gelesen habe, in denen Feen eine Hauptrolle spielen. Es sind drei sehr oberflächliche Gründe, die zusammen aber stark genug waren, um den Inhalt zu ignorieren. Denn hätte ich nur auf den Klappentext geachtet, hätte ich »Lamento« wirklich liegen gelassen. Wie ist es nun, mein erstes Buch mit Feen?

Mittwoch, 10. August 2011

Rezension – Janne Teller: »Krieg. Stell dir vor, er wäre hier«

Kennst du dieses Gefühl, wenn du beim Frühstück irgendeinen Nachrichtensender laufen hast, der neben schlechtem Small-Talk zwischen den Moderatoren und der Wetterfrau auch gekonnt ungeheuer viel Panik verbreitet? Die Unruhen, Proteste und Aufstände in Tunesien, Ägypten, Libyen, Syrien, Spanien, Griechenland und England. Das Erdbeben, der Tsunami, die Reaktorkatastrophe in Japan. Es sind alles Ereignisse, die einen anrühren, aufwühlen, nachdenklich stimmen – und durch die unmögliche Berichterstattung auch beunruhigen. Was wäre wenn? Das ist eine Frage, die ich mir schon oft gestellt habe, in letzter Zeit immer häufiger. Vielleicht ist Janne Tellers literarischer Essay »Krieg. Stell dir vor, er wäre hier« eine Antwort auf das gegenwärtige Gefühl, das in mir nagt.

Freitag, 29. Juli 2011

Rezension – Thomas Thiemeyer: »Chroniken der Weltensucher – Der gläserne Fluch«

Die »Chroniken der Weltensucher« ist eine Reihe, die inzwischen drei Bände hat. Ohne jemals etwas von Thomas Thiemeyer gehört zu haben, landete der dritte Roman »Der gläserne Fluch« als Rezensionsexemplar für ein Kinder- und Jugendbuch-Magazin bei mir im Briefkasten – und schon bald war ich der Geschichte völlig verfallen. 

Donnerstag, 21. Juli 2011

Rezension – Jonathan Barnes: »Das Albtraumreich des Edward Moon«

Klappentexte versprechen vieles, doch nicht jedes Buch wird ihnen gerecht. Eine Ausnahme bildet »Das Albtraumreich des Edward Moon« von Jonathan Barnes. Es heißt dort zunächst: »Seien Sie gewarnt – dieses Buch besitzt keinen wie auch immer gearteten literarischen Wert!« Stimmt haargenau! Und weiter: »Dieser Roman ist ein grässliches Konvolut von Unsinnigkeiten, bevölkert von wenig überzeugenden Charakteren, geschrieben in öder Prosa, oft genug lächerlich und durchweg bizarr.« Jaaa! Haargenau! Besser hätte ich meine Meinung nach dem Lesen nicht formulieren können. Ich hätte dem Klappentext lieber geglaubt – zumindest diesem Teil. Doch ich habe lieber dem Zitat vertraut, dass der Roman für Fans von Susanna Clarke und Jasper Fforde geeignet ist. Das wiederum ist eine glatte Lüge. Schämt euch, Kritiker vom The Guardian! Nur wegen euch habe ich das wohl schlechteste Buch des Jahres in die Finger genommen und gelesen. Daher folgt nun mein Verriss.

Mittwoch, 13. Juli 2011

Rezension – Top Secret Edition Die drei ???: »House of Horror – Haus der Angst«

Wer wollte nicht schon immer mal der vierte Detektiv im berühmtesten Trio aus Rocky Beach sein? Justus Jonas, Peter Shaw, Bob Andrews – und du. In der aktuellen Top Secret Edition macht das Buch »House of Horrors – Haus der Angst« dies möglich, denn hier ermittelt der Leser höchstpersönlich!

Montag, 30. Mai 2011

Rezension – Carlos Ruiz Zafón: »Marina«

Eng, magisch, klein, modernistisch, monumental, verwinkelt, lehmfarben, dunkel, verschlammt, verhext, düster, gespenstisch, verschleiert, stilleverzaubert, verwunschen, abgesperrt, höhlenartig, endlos, stetig, geisterhaft, ungeheure, magisch, hohe, flüssig, groß, frei, geistig, edel. Das sind die Adjektive, mit denen Carlos Ruiz Zafón allein die ersten zwei Seiten seines neuen Romans »Marina« übervölkerte. Wird sein Stil denn besser? Mitnichten.

Mittwoch, 11. Mai 2011

Rezension – Carlos Ruiz Zafón: »Mitternachtspalast«

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Carlos Ruiz Zafón ist in Deutschland wegen seines Barcelona-Zyklus berühmt geworden, obwohl seine schriftstellerische Karriere mit einer ganz anderen Art von Geschichten begann. Ich weiß noch, dass ich damals nach der Lektüre von »Der Schatten des Windes« nach weiteren Zafón-Büchern gesucht habe und einzig ein schmales dtv-Taschenbüchlein vorfand, das damals gebraucht auf Verkaufsplattformen für dreistellige Summen gehandelt worden war: »Der Fürst des Nebels« ist sein erster Roman und war auch die Geschichte, mit der ihm damals in Spanien der Durchbruch gelang. Es ist ein Jugendbuch, genauso wie »Mitternachtspalast« – sein zweiter Roman, der 1994 veröffentlicht und 2010 zum ersten Mal in Deutschland auf den Markt kam. Ist Zafón mit diesem Jugendroman ein weiterer Bestseller gelungen?

Freitag, 6. Mai 2011

Rezension – Die drei ???, Top Secret Edition: »High Strung – Unter Hochspannung«

Justus Jonas, Peter Shaw und Bob Andrews ermitteln wieder. Die Top Secret Edition enthält drei Fälle, die bereits vor mehr als zwanzig Jahren geschrieben, aber in Deutschland bislang noch nicht veröffentlicht worden sind. Genau das macht den Reiz dieser Reihe aus, zu der auch »High Strung – Unter Hochspannung« gehört.

Donnerstag, 3. März 2011

Rezension – Anne Plichota/Cendrine Wolf: »Oksa Pollock – Die Unverhoffte«

Heute ist der 3. März 2011 – der Tag, an dem Oksa Pollock offiziell nach Deutschland kommt. Mit großem Tamtam und viel Getöse kündigt der Oetinger Verlag das Buch »Oksa Pollock – Die Unverhoffte« an. Ist die ganze Manie berechtigt?

Mittwoch, 23. Februar 2011

Rezension – Die drei ???, Top Secret Edition: »Brainwash – Gefangene Gedanken«

Ich bin schon seit der Kindheit ein großer Fan der drei ??? – dem berühmtesten Detektiv-Trio aus Rocky Beach. Es fing mit den Büchern an, steigerte sich mit den Musikkassetten (keine CDs!) und endete mit der Live-Tour des schreienden Weckers. Deshalb freue ich mich, wenn ich wieder einmal ein Buch von Justus Jonas, Peter Shaw und Bob Andrews für ein Bücher-Medien-Magazin rezensieren darf. Dieses Mal war die Top Secret Edition dran.

Donnerstag, 17. Februar 2011

Rezension – Friedmar Apel: »Nanettes Gedächtnis«

Im Rahmen eines Seminars musste ich Friedmar Apels Roman »Nanettes Gedächtnis« lesen. Ich kannte weder den Autor, noch den Titel und sprang ins kalte Wasser. Das Eintauchen in die Welt der Synästhetikerin Nanette, die in einer Psychiatrie sitzt und versucht, sich an ihre Vergangenheit zu erinnern, hat sich gelohnt. 

Dienstag, 8. Februar 2011

Rezension – Emily Brontë: »Sturmhöhe«

Auf dieses Buch habe ich mich schon lange gefreut. Ich wollte eintauchen in eine Welt voller Boshaftigkeit – und wurde von Emily Brontës »Sturmhöhe« (1847) ganz schön überrascht. So bösartig und fies und modern habe ich mir ihren Roman nun wirklich nicht vorgestellt.