Ich war heute mit einer sehr guten Freundin in Frankfurt unterwegs. Mit ihr erlebe ich regelmäßig wunderbare, gemütliche Stunden, die ich gerne mit dem leider zu oft vernachlässigten Adjektiv »dekadent« beschreibe. Heute wegen Oliven und Karamell-Crêpe, das letzte Mal wegen Sachertorte und süßen Cocktails.
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Mittwoch, 4. Mai 2011
Montag, 22. November 2010
Veranstaltung: Kranichsteiner Literaturförderpreis
Es war still in dieser Ecke von Darmstadt. Weite Wiesen, die wegen des anbrechenden Winters gräulich erschienen, zertrampelt, aufgewühlt, keine Spuren. Zwischen Wegen und Klettergerüsten grenzten unzählige Schulen aneinander, mal Glas-Holz-Stahl-Konstruktionen, mal zerfallene Betonklötze mit farbigen-verblichenen Säulen, Treppen, Überdachungen und eingeschlagenen, vollgesprayten Fenstern.
Sich hier zurechtfinden? Zumindest ich hatte da so meine Probleme. Mein Ziel auf diesem Gelände voller Schulen? Bertolt Brecht. Diese Schule lud nämlich zu einer Veranstaltung ein, die zumindest ich hier niemals erwarten würde: Die Verleihung des Kranichsteiner Literaturförderpreises.
Warum in einer Schule? Die Veranstalter wollten näher an das Publikum heran und nahmen Platz in einer gymnasialen Oberstufenschule. Die Schüler, allem voran die Leistungskurse Deutsch, hatten sich im Unterricht mit den Texten der drei Finalisten beschäftigt. Unter ihnen waren Daniela Dröscher (Berlin Verlag), Ricarda Jung (S. Fischer) und Andre Rudolph (luxbooks) – zwei Prosa-Texte und ein Langgedicht.
Ich habe mehrere Jahre in einem Gymnasium unterrichtet, sodass ich weniger am Urteil der Kritiker-Jury (bestehend aus Lerke von Saalfeld, Burkhard Müller und Andreas Platthaus) interessiert war, als vielmehr gespannt auf die Reaktionen der Schüler wartete. Diese wurde zunächst nur zögerlich vorgetragen, da die namenlose Jury auf dem Podest sehr einschüchternd wirkte. Und es kam, wie es kommen musste.

Daniela Dröscher stellte ein Kapitel ihres neuen Romans vor, der sich um das Leben der Schauspielerin Pola Negri dreht. Ich fand die Textstelle wunderbar, ihren Stil zeitlos-blumig, die Einleitung spannungsreich. Den Kritikern war er zu bildgewaltig und die Schüler konnten mit dem Text wenig anfangen, was aber eher am Kontext lag: Lebte Pola Negri wirklich? Wer war Pola Negri? Was ist TBC? Das Verständnis litt gewaltig.

Ricarda Jung las eine Kurzgeschichte vor, die vor Lokalkolorit nur so strotzte. Eine glatte, schnörkellose Sprache, Personen mit Problemen, viele Nasen und Drillingsmotive waren typisch für ihren Text. Mir persönlich war die Sprache zu platt und einfach, die Handlung und der Aufbau sehr konservativ und wenig überraschend, doch der Jury gefiel diese Kriminalgeschichte, insbesondere die einsame Atmosphäre des Drei-Figuren-Kosmos, sehr gut. Und den Schülern? Die Autorin schien zu verzweifeln – spätestens nach dieser Aussage: »Ich glaube, ich habe Ihre Intention nicht verstanden.« Und so ging es vielen: Die Handlung blieb zu wage, viele Wendungen wurden nur angedeutet und aufgeklärt schon mal gar nicht. Das verschreckte die jungen Leser eindeutig.

Andre Rudolph trat als letzter Finalist vor das Mikrofon. Sein Verleger Herr L. saß im Publikum und schien etwas nervös und vor allem sehr gespannt zu sein, denn sein Schützling hatte am Telefon eine Überraschung angekündigt. Einen neuen Text. Ein Experiment. Ein Langgedicht. »in der nordstraße...« behandelte eine bekannte Straße in Leipzig und der Autor versetzte sich in die Prostituierten, Alkoholiker und Spielsüchtigen, die dort im Park hausten. Er ließ sie alle sprechen, wechselte die Perspektiven und schaffte es mit viel Ironie und zweideutigen Passagen, die Zuhörer bis zum Schluss zu fesseln. Die Jury? Lobte. Die Schüler? Lobten ausgesprochen viel. Die Jury? Kritisierte die Verwendung von »...« – und die Schüler? Verteidigten den Schriftsteller.
So kam es, dass sich an diesem Tag die Lyrik durchsetzte und Rudolph den mit 5.000 Euro dotierten Literaturförderpreis gewann. Die Schüler-Jury stimmte ebenfalls für den luxbooks-Lyriker, der somit weitere 1.000 Euro erhielt. Andre Rudolph zeigte sich nach der Preis-Vergabe erleichtert. Sein Gedicht ist noch nicht abgeschlossen, und der Förderpreis bestätigt seine bisherige Arbeit an dem Text. Sein Debütband liegt im Verlag luxbooks vor.
Die Jury sprach von einem »Sprachkonzert« und einem »dicht verwebten Stimmenteppich«. Es gebe so viele Subjekte in dem Gedicht, dass der Erzähler zum Zuhörer wird. Die Mehrdeutigkeit gefiel vor allem dem FAZ-Redakteur Andreas Platthaus: »Das Sternzeichen Krebs mit der Krankheit zu kombinieren, ist schon ziemlich böse. Genauso die vom Adler gefressene und immer wieder neu nachwachsende Leber von Prometheus mit einem Alkoholiker zusammenzubringen.« Die Hinweise auf Homer seien gut gewählt und sehr klug eingebaut. Rudolph hat es geschafft, die Moderne und das epische Gedicht zu vereinen.
Wenn es einen Förderpreis gibt, existiert dann auch ein Kranichsteiner Literaturpreis? Ja, und er wurde am selben Tag verliehen. Er ist mit 20.000 Euro dotiert und ging dieses Jahr an die 1964 geborene und in Paris lebende Schriftstellerin Anne Weber. Sie erhielt den Preis als Anerkennung für ihr Werk. Damit tritt Weber in die Fußstapfen von Herta Müller, Martin Mosebach, Jan Faktor oder Helga M. Novak.
Sich hier zurechtfinden? Zumindest ich hatte da so meine Probleme. Mein Ziel auf diesem Gelände voller Schulen? Bertolt Brecht. Diese Schule lud nämlich zu einer Veranstaltung ein, die zumindest ich hier niemals erwarten würde: Die Verleihung des Kranichsteiner Literaturförderpreises.
Warum in einer Schule? Die Veranstalter wollten näher an das Publikum heran und nahmen Platz in einer gymnasialen Oberstufenschule. Die Schüler, allem voran die Leistungskurse Deutsch, hatten sich im Unterricht mit den Texten der drei Finalisten beschäftigt. Unter ihnen waren Daniela Dröscher (Berlin Verlag), Ricarda Jung (S. Fischer) und Andre Rudolph (luxbooks) – zwei Prosa-Texte und ein Langgedicht.
Ich habe mehrere Jahre in einem Gymnasium unterrichtet, sodass ich weniger am Urteil der Kritiker-Jury (bestehend aus Lerke von Saalfeld, Burkhard Müller und Andreas Platthaus) interessiert war, als vielmehr gespannt auf die Reaktionen der Schüler wartete. Diese wurde zunächst nur zögerlich vorgetragen, da die namenlose Jury auf dem Podest sehr einschüchternd wirkte. Und es kam, wie es kommen musste.

Daniela Dröscher stellte ein Kapitel ihres neuen Romans vor, der sich um das Leben der Schauspielerin Pola Negri dreht. Ich fand die Textstelle wunderbar, ihren Stil zeitlos-blumig, die Einleitung spannungsreich. Den Kritikern war er zu bildgewaltig und die Schüler konnten mit dem Text wenig anfangen, was aber eher am Kontext lag: Lebte Pola Negri wirklich? Wer war Pola Negri? Was ist TBC? Das Verständnis litt gewaltig.

Ricarda Jung las eine Kurzgeschichte vor, die vor Lokalkolorit nur so strotzte. Eine glatte, schnörkellose Sprache, Personen mit Problemen, viele Nasen und Drillingsmotive waren typisch für ihren Text. Mir persönlich war die Sprache zu platt und einfach, die Handlung und der Aufbau sehr konservativ und wenig überraschend, doch der Jury gefiel diese Kriminalgeschichte, insbesondere die einsame Atmosphäre des Drei-Figuren-Kosmos, sehr gut. Und den Schülern? Die Autorin schien zu verzweifeln – spätestens nach dieser Aussage: »Ich glaube, ich habe Ihre Intention nicht verstanden.« Und so ging es vielen: Die Handlung blieb zu wage, viele Wendungen wurden nur angedeutet und aufgeklärt schon mal gar nicht. Das verschreckte die jungen Leser eindeutig.

Andre Rudolph trat als letzter Finalist vor das Mikrofon. Sein Verleger Herr L. saß im Publikum und schien etwas nervös und vor allem sehr gespannt zu sein, denn sein Schützling hatte am Telefon eine Überraschung angekündigt. Einen neuen Text. Ein Experiment. Ein Langgedicht. »in der nordstraße...« behandelte eine bekannte Straße in Leipzig und der Autor versetzte sich in die Prostituierten, Alkoholiker und Spielsüchtigen, die dort im Park hausten. Er ließ sie alle sprechen, wechselte die Perspektiven und schaffte es mit viel Ironie und zweideutigen Passagen, die Zuhörer bis zum Schluss zu fesseln. Die Jury? Lobte. Die Schüler? Lobten ausgesprochen viel. Die Jury? Kritisierte die Verwendung von »...« – und die Schüler? Verteidigten den Schriftsteller.
So kam es, dass sich an diesem Tag die Lyrik durchsetzte und Rudolph den mit 5.000 Euro dotierten Literaturförderpreis gewann. Die Schüler-Jury stimmte ebenfalls für den luxbooks-Lyriker, der somit weitere 1.000 Euro erhielt. Andre Rudolph zeigte sich nach der Preis-Vergabe erleichtert. Sein Gedicht ist noch nicht abgeschlossen, und der Förderpreis bestätigt seine bisherige Arbeit an dem Text. Sein Debütband liegt im Verlag luxbooks vor.
Die Jury sprach von einem »Sprachkonzert« und einem »dicht verwebten Stimmenteppich«. Es gebe so viele Subjekte in dem Gedicht, dass der Erzähler zum Zuhörer wird. Die Mehrdeutigkeit gefiel vor allem dem FAZ-Redakteur Andreas Platthaus: »Das Sternzeichen Krebs mit der Krankheit zu kombinieren, ist schon ziemlich böse. Genauso die vom Adler gefressene und immer wieder neu nachwachsende Leber von Prometheus mit einem Alkoholiker zusammenzubringen.« Die Hinweise auf Homer seien gut gewählt und sehr klug eingebaut. Rudolph hat es geschafft, die Moderne und das epische Gedicht zu vereinen.
Wenn es einen Förderpreis gibt, existiert dann auch ein Kranichsteiner Literaturpreis? Ja, und er wurde am selben Tag verliehen. Er ist mit 20.000 Euro dotiert und ging dieses Jahr an die 1964 geborene und in Paris lebende Schriftstellerin Anne Weber. Sie erhielt den Preis als Anerkennung für ihr Werk. Damit tritt Weber in die Fußstapfen von Herta Müller, Martin Mosebach, Jan Faktor oder Helga M. Novak.
Freitag, 19. November 2010
Rezension – Georges Perec: »Ein Kunstkabinett«

Die legendäre Kunstsammlung des Bierbrauers Raffke wird in Ohio erstmals der Öffentlichkeit präsentiert. Mit Mittelpunkt steht ein Gemälde, das auf einigen der deutschen Buchausgaben abgebildet ist und das ich unglaublich liebe: Es ist ein Gemälde, das ein Gemäldezimmer zeigt, in dem das Gemälde hängt, das ein Gemäldezimmer zeigt – in dem wiederum das Gemälde hängt usw. Das Bild spiegelt das Zimmer mit den Gemälden unzählbar oft wieder. Der Künstler Heinrich Kürz hat als Besonderheit Details der abgebildeten und wiedergespiegelten Gemälde verändert, sodass die Besucher der Kunstausstellung im Jahr 1913 ganz versessen darauf sind, die Geheimnisse mit einer Lupe persönlich zu ergründen.
Der Bierbrauer stirbt und wird zusammen mit seiner Kunstsammlung beerdigt. Das Sterbezimmer wird dabei genauso arrangiert, wie es im Gemäldezimmer aussieht: Dieselben Bilder hängen an der Wand, eine Staffelei steht in der Ecke und der Tote sitzt in einem Sessel. Nur noch der Hund an seiner Seite fehlt. Die Sammlung von Raffke wird versteigert, bis viele Jahrzehnte nach seinem Tod ein Brief auftaucht, der die gesamte Kunstszene durcheinander bringen wird.

Leider will Georges Perec dem Leser hier etwas vermitteln, was ihm nicht ganz gelingt: Er baut ein starres Gerüst auf, das Fakten wiedergeben soll. Rein dokumentarisch soll »Ein Kunstkabinett« sein und Seite um Seite ergeht sich Perec in Beschreibungen der Bilder, der Entstehungsgeschichte, der Besonderheiten und den Verkaufspreisen. Kunstexperten und Zeitungen werden eingearbeitet und zitiert. Und doch habe ich ihm diesen Stil nicht abgenommen. Ständig habe ich auf den roten Erzählfaden gelauert. Versteckte er sich etwa und kam nach der Beschreibung des besonderen Gemäldes? Nein. Nach dem Tod von Raffke? Nein. Ging es endlich nach der Versteigerung los? Nein, denn Perec bleibt auf seiner künstlich wirkenden, starren Dokumentarebene, mit dem sich der Leser abfinden muss. Mit ihrer Hilfe baut er eine Welt auf, sucht sich Beweise und Rechtfertigungen, die er innerhalb der letzten zwei Seiten komplett zerstört – und das relativ brutal und gnadenlos. Lieber Leser, suchst du ein Buch, das dich vor den Kopf stößt? Bist du masochistisch verlangt? Dann schnapp dir diesen Perec und leide!
Was zurückbleibt ist lediglich das unbestimmte Gefühl, etwas verpasst zu haben: Unzählige Anspielungen, mehrdeutige Passagen, Insider aus dem Kulturbetrieb. Um das allerdings aufzuarbeiten und komplett verstehen zu können, reicht es nicht, das Buch erneut zu lesen. Eine Dissertation über Perec und sein Werk wäre ebenfalls nötig. Zusammen mit einer über den Kunst- und Kulturbetrieb. Schade.
Sonntag, 31. Oktober 2010
Buchmesse 2010 – Ehrengast Island auf der Buchmesse 2011

Sie ist 103.000 Quadratkilometer groß, bedeckt mit Vulkanen und bekannt für unaussprechliche Namen: Die Insel Island. Wegen des warmen Golfsstroms ist das Klima vergleichsweise milder als allgemein angenommen, und doch hat sich gerade wegen den langen Winterabenden eine eigenständige isländische Literatur entwickelt. Das Leben auf der größten Vulkaninsel der Welt kann einsam sein. Die Einwohner suchten deshalb im Schreiben und Lesen nach Zerstreuung, wodurch die Zahl der Leser und Bibliotheken verhältnismäßig groß ist.

Im Herbst 2011 ist Island zum ersten Mal Ehrengast auf der Frankfurter Buchmesse. Aus diesem Anlass hat die isländische Regierung das Projekt »Sagenhaftes Island« ins Leben gerufen, um der Weltöffentlichkeit die Kultur der Insel trotz Wirtschaftskrise präsentieren zu können. In diesem Jahr erforschte ich neugierig den Stand der Isländer in Halle 6.0 und was ich sah, gefiel mir ungemein.

Große Plakate, die riesige Bücher inmitten isländischer, wilder, rauer und eindrucksvoller Natur zeigten. Aufgeschlagen auf einem Berghang, als Wasserfall in einen See stürzend, eingebunden in eine Felsformation. Daneben viele Bücherregale mit den unleserlichen Schätzen von der Insel.

Unleserlich dürften sie nicht lange bleiben – derzeit gibt es mehr als 100 Veträge für Übersetzungen ins Deutsche. Und das bei einer Einwohnerzahl von 317.593. Zur Literatur von Island gehören die Sagas und Eddas ebenso wie die Gegenwartsliteratur mit Stimmen wie Yrsa Sigurdardottir oder Dagmar Trodler.

Ich bin gespannt auf dieses Land und möchte bereits im Vorfeld von der isländischen Literatur kosten. Zumindest »Schattenfuchs« von Sjón (S. Fischer, 2007) macht sich bereit für mich – noch steht es ungelesen in meinem Buchregal. Mal schauen, welche Bücher sich bis zum nächsten Jahr noch dazugesellen werden. Ich werde mich wohl kaum vor den bekannten Island-Krimis drücken können. Hast du, lieber Leser, weitere Geheimtipps für mich?
Samstag, 9. Oktober 2010
Buchmesse 2010 – Wie man eine Messeparty überlebt

Wow, dachte ich am Donnerstagabend, als meine Chefin mich um kurz nach 18 Uhr fragte, ob ich Lust hätte, ihre Einladung zur Messeparty vom S.Fischer-Verlag zu übernehmen. Mein innerer Ausruf beschreibt treffend, was für Emotionen in meinem Kopf umherspukten. Angst, Freude, Verwirrung, Zweifel, Neugier, Hunger, Kleidungsfrage. Relativ sprachlos nahm ich die Einladung an und meine Chefin entschwebte dem Messegelände.

Bevor ich es realisieren konnte, flitzte ich hinüber zu einem befreundeten Verleger und klagte ihm mein Leid. »Scheiße, ich bin dort eingeladen und kenne niemanden.« Weise, wie Herr L. ist, drückte er mir ein Buch in die Hand, kritzelte vorher einen Gruß ins Buch und lächelte zufrieden. Ich lächelte breit zurück. Mit dem Buch hatte ich die Einladungskarte ein zweites Mal erhalten, nur dieses Mal mit dem Auftrag, Herrn B. zu suchen und ihm das Buch zu überreichen. Wunderbar!

Um halb sieben schob ich mich in eine Buchmesse-Toilette. Um die Uhrzeit ist dort der Teufel los und alle Waschbecken sind belegt: Eine Frau im Kostüm putzte sich die Zähne (irgendwie sah es so aus, als würde ihr die Zahnpasta dazu fehlen), eine weitere benutzte eifrig Zahnseide. Eine Blondine steckte ihr Haar in einem Pferdeschwanz hoch, schob sich zielgerichtet einen schwarzen Haarreif mit gebogenen schwarzen Federn auf den Kopf und warf sich einen prüfenden Blick zu. Wesentlich rasanter ging es bei Blondie Nummer Zwei zu, die panisch versuchte, einen Fleck aus ihrer weißen Bluse zu waschen. Ich zog mir lediglich meinen Lippenstift nach, trug Gloss auf und richtete meine Haare.

Auf dem Weg zur Straßenbahn schnappte ich mein Handy und rief Wortschatz an. »Ich bin ganz schön am Popo - hilf mir!«, flüsterte ich laut genug, um nur von ihm gehört zu werden. Nach zehn Minuten hat er mir erklärt, wie ich in etwa wohin fahren musste, um mein Ziel zu erreichen.

Genial. So nach und nach lösten sich all meine Probleme in Luft auf. Das nächste erledigte ich in einem Schmuckgeschäft am Hauptbahnhof, als ein Haarreif mit Perlen (nein, die Federn haben mich nicht inspiriert) im Körbchen und später auf meinem Kopf landete.

So ausgestattet fühlte ich mich gewachsen für meine allererste Messeparty. Hätte ich nur vorher gewusst, dass ich ein ganz neues Territorium betreten würde, wild, wüst und undurchdringlich, bereit, mich zu zertrampeln und in Zigarrenrauch zu ersticken. Vielleicht hätte ich dann brav mit dem Kopf geschüttelt und die Einladung zur Party abgelehnt. Aber nur vielleicht.

Die S-Bahn brachte mich nach Frankfurt Süd und nach zwei Minuten unsicheren Fußes erreichte ich das schwarze, schmiedeiserne Tor, vor dem zwei gutaussehende Torposten einen höchst lässigen Blick auf meine Karte warfen, um mich dann mit einem Kopfnicken durchzulassen.

Ich war drin. Mitten im Getümmel aus gefühlten zwei Millionen Menschen auf vier Quadratmetern, die sich in Grüppchen genau so hinstellten, dass sie im Weg waren. Ich suchte mir eine Ecke und verharrte dort. Überblick, ich lechzte danach, erstickte in der Masse.

Die restlichen zwei Stunden sind rasch erzählt: befreundete Redakteurin, netter Plausch, Herr B. bekannt, Suche, Haus rein, Haus raus, Hof rum, Hof verlassen, Haus rein, Haus hoch, kleiner Lesesaal, großer Lesesaal, netter Plausch, kein Herr B., Verabschiedung, Rundgang, Fotos, fertig.

Wesentlich nützlicher als die Beschreibung meines Heimwegs ist ein kleiner Ratgeber mit Warnungen, ohne die man eine Messeparty eigentlich nicht überleben kann.

1. Sobald ein Kellner oder ein Stand mit Getränken in der Nähe ist, solltest du, lieber Leser, deine Chance nutzen: Schnapp dir ein Glas, ehe es zu spät ist! Der Weißwein ist bei S.Fischer berühmt-berüchtigt - damit kannst du nichts falsch machen, aber nimm es dir, denn du weißt nicht, ob die Menschenmasse dich je wieder in die Nähe von Getränken drängen wird.

2. Dasselbe gilt für Abstellflächen: Sobald du eine siehst, schnapp dein leeres Glas und stell es ab, sofern kein Kellner zum Nachschenken in der Nähe ist.

3. Verstau deinen Mantel sofort in der Garderobe, auch Taschen. Je dünner du bist, desto weniger wirst du gequetscht und desto mehr kannst du locker-leicht-flexibel die Hindernisse umkurven.

4. Suche dir als Nichtraucher keine Freunde, die rauchen. Im Haus herrscht Rauchverbot, sodass du mit Zigaretten-Freunde draußen im Hof unter einem durchsichtigen Zelt stehen musst. Nach zwei Stunden ist der Rauch dicht wie Zuckerwatte, nur nicht so schmackhaft und bildet einen ganz eigenen ökologischen Kreislauf. Mal schauen, was sich da im Laufe der Evolution noch für Lebewesen entwickeln werden.

5. Wenn du Lippenstift trägst, schnapp dir die Tomaten und die Knabberstangen, da es nicht gewährleistet ist, dass die Masse dich, liebe Leserin, jemals zu den Toiletten durchlassen wird.

6. Halte dich von dem kleinen Lesezimmer fern. Hier tummeln sich die grauen Eminenzen und das Licht ist Mist zum Fotografieren.

7. Mit dem Uhrzeigersinn oder dagegen? Im Hof ist es egal, denn es wird kein Durchkommen geben. Alle Wege führen ins Haus und sind dort wesentlich schneller zu bewältigen, als einmal quer über den Hof zu laufen.

8. Tipp: Im großen Lesesaal kann man Bücher hinter Glas bewundern. Hier werden die Häppchen regelmäßig nachgefüllt und die Kellner haben genug Beinfreiheit, um regelmäßig die Gläser nachzufüllen. Achtung! Bei der Auswahl der leckeren Brote musst du darauf achten, keine allzu fettigen zu wählen. Die Servietten liegen zwar verlockend in der Nähe, allerdings habe ich während der gesamten Feier keinen Mülleimer gesichtet.

9. Hüte dich vor Tine Wittler und Roger Willemsen!
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