Freitag, 20. Juli 2012

Speed-Review – Lese-Rezension auf Zeit

Ich experimentiere ja sehr gerne, vor allem wenn es um neue Ideen geht. Eine davon möchte ich Euch heute vorstellen. Es geht um eine neue Art der Rezension, die schnell, anders und kurzweilig ist. twitter war dafür eine nette Inspirationsquelle, aber auch die gegenwärtige Diskussion um Social Reading.

Auf twitter ist es schon seit längerem bei vielen Lesern eine Gewohnheit geworden, während des Lesens Eindrücke des Buches zu zwitschern. Auch beim Social Reading geht es um den gemeinsamen Lesegenuss. Warum nicht daraus eine Art Rezension stricken? Während des Lesens, chronologisch und voller Spoiler?

Ich wage das Experiment mit einem Buch, das ich mir als Belohnung für fast drei Monate Studiumsstress gekauft habe: Robert Kirkmans Roman »The Walking Dead«. Ja, es hat etwas mit der TV-Serie und mit dem Comic zu tun. Und ja, Kirkman ist der Comicbuchautor. Da ich schon seit einigen Jahren eine große Zombiefilm-Liebe pflege und ich die Serie mag, wollte ich mir die Vorgeschichte vom Governor sehr gerne vorknöpfen. Wer das Buch noch nicht gelesen hat und nicht bespoilert werden möchte, sollte nach dem Cut nicht weiterlesen. Die Speed-Review werde ich so zeitnah wie möglich aktualisieren. Viel Spaß :)


Ich mag das Cover total gerne, und auch die verwendete Schrift im Titel. Absolut blöd finde ich die verwendete Schrift im Satz, da sie keine Ligaturen hat. Seitdem stolpere ich ständig über die unschönen Lücken in Wörtern.


Seite 9: Ui, wie einfach, banal und genial: Warum erkälten sich die Menschen eigentlich nie, wenn die Apokalypse droht? Sie werden angeschossen, natürlich versehentlich, aber einen Schnupfen? Chapeau, Herr Kirkman!

Seite 11: Okay, nicht Vater-Tochter, sondern Onkel-Nichte. Rasanter Einstieg, gefällt mir. Mal schauen, wer noch hinter der Tür steckt außer Zombies. Ach ja, die Geschichte ist im Präsens geschrieben, ich mag diese Zeitform eher ungern, aber zu einem Endzeitroman passt es eigentlich ganz gut.

Seite 12: Ichabod Crane?! So sieht Brian aus? Gefällt mir!

Seite 17: Oh nein. Brian ist der ältere Bruder? Und so ein Weichei und eigentlich ein Versager? Hm, da muss ich meine Figurenkonstellation noch einmal überdenken. Philip markiert den typischen Alpha.

Seite 26: Die Apokalypse hat gerade erst eingesetzt. Gefällt mir, und vor allem noch die Bezüge zum Kommunikationssystem: Nick hat ein Blackberry für das Internet, im Haus sind Radio und Fernseher. Gruselige Vorstellung, dass ein Sender nach dem anderen ausfällt...

Seite 29: Brian ist schlau, kombiniert gut. Passt gar nicht zu seiner Versager-Charakterisierung...

Seite 30: Wieso wollen alle immer in große Städte flüchten, zu irgendwelchen Schutzzentren?! Wenn in den Dörfern schon so viele Zombies rumflitzen (in den USA, dem weiten Land?), was erwarten die dann von Großstädten?!

Seite 33: Durch das fehlende Kind hab ich ständig Todesangst um meine Gruppe Überlebender. Es ist, als würde man einen Horrorfilm schauen und in der Stille gleich den Knall erwarten. Aber das ist wohl so bei Zombieliteratur: Der Puls rast und hinter jedem Satz lauert der potentielle Tod.

Seite 38: Wer wohl als erstes sterben wird? Ich tippe auf den dicklichen Bobby.

Seite 42: Sehr schön, bleibt in der Villa, verbarrikadiert euch, erregt kein Aufsehen und ... findet endlich den verdammten Zombie-Jungen! Herzrasen, Mensch!

Seite 45: Bezug zu Eliot. Das muss ich prüfen. Die Welt wird nicht mit einem Knall, sondern mit Gewimmer untergehen. Sehr schön.

Seite 49: Natürlich ein Alleingang. Menno! Soll er den Jungen doch auf dem Dachboden lassen und sich am nächsten Tag um den Zombie kümmern!

Seite 51: Sarg? Sonnenbank? Böse! Hrhrhr!

Seite 59: Nach dem höllischen Tempo am Anfang verliert die Geschichte an Fahrt. Jetzt hab ich Zeit, mir den Stil von Kirkman genau anzuschauen ... und ich finde ihn leider ziemlich schlecht. Als würde er ständig eine Liste abhaken, beschreibt er nacheinander, was alle Figuren gerade in dem Moment machen. Personaler Erzähler? Ätsch! Zwei Sätze später wechselt er. Auf die Dauer nervt das ganz schön, schade.

Seite 67: Kirkman baut gerne Cliffhanger ein, nimmt das Tempo raus und erzählt dann die Auflösung. Leider etwas steif. Und ich wüsste gerne, warum der Zombie-Junge so lange in der Hundehütte gewesen ist. Wäre doch viel lustiger gewesen, Penny beim Spielen anzufallen? Wie ist er da überhaupt reingekommen? Hat er den Hund gefressen? (Weil: Er hatte Hundekot in den Haaren. Öhm ja.)

Seite 74: Schade, die Sterbeszene bewegt mich überhaupt nicht. Das soll einer der besten Freunde von Philip gewesen sein? Kam mir eher wie ein Verschnitt von Peter Pettigrew. Und da einige Kapitel wohl aus Philips Sicht geschrieben worden sind, habe ich gar keinen Hauch von Freundschaft in seinen Sätzen gespürt. Wesentlich interessanter ist, dass Philip cholerische Züge entwickelt. Bin auf Nick gespannt, der ist mir noch zu still.

Seite 82: In keinem Zombiefilm wurde bislang so wenig geschossen wie bei Kirkman. Finde den Gedanken ganz spannend, dass Zombies vom Lärm der Waffen angelockt werden und die Menschen zur Verteidigung wieder zu ursprünglichen, leisen Waffen greifen müssen. Das ist wieder ein Schritt zurück in die Vergangenheit, in der sie getrieben werden. Ein weiterer Rückschritt in der Technologie und der Entwicklung. Und es gibt Nahkämpfe. Im Buch bleibt Kirkman dieser Philosophie treu.

Seite 84: Fünf Wörter schrieb er auf die Tafel: ALLE TOT! NICHT BETRETEN! Klarer Übersetzungsfehler.

Seite 97: Tippfehler: Wildschein statt Wildschwein.

Seite 106: Manche Bücher wirken so unschuldig. Würden sie ihr wahres Gesicht zeigen, müsste aus diesem hier nur so das Blut und die Gedärme spritzen.

Seite 108: Tippfehler: Im Bus riech es nach...

Seite 129: Uh, jetzt wird es interessant. Bei jedem Film oder Buch stell ich mir die Frage, was die Zombies so alles können. Sind sie langsam oder schnell? Verrotten sie mit der Zeit? Oder sind sie gar lernfähig? Je intelligenter Zombies dargestellt werden, desto menschlicher erscheinen sie und desto mehr moralische Probleme haben die Protagonisten, sie abzuschlachten. Dies ist nun schon der zweite Augenblick, in dem sich die Zombies an etwas zu erinnern scheinen...

Seite 149: Wird ihnen endlich klar, dass Atlanta eine Todesfalle wird? Und überhaupt: Wann treffen sie auf weitere Überlebende?

Seite 168: Hola! Wenn ein vier Tonnen schwerer Escalade so ein Massaker anrichten kann, will ich an meinem Zombie-Fluchtwagen einen Mähdrescher vorne dran haben.

Seite 170: Eiserne Regel bei Zombiefilmen und Büchern: Die Autos haben eine noch kürzere Lebenszeit als die Hauptfiguren - egal, wie gut sie auch sind. So trauere ich nun um den Escalade <3

Seite 176: Endlich! Überlebende! Vielleicht. Die Gruppe hat einen klaren Männerüberschuss und Penny ist total am Ende. Mal schauen, wer sie aufbauen wird, nachdem ihr Vater so ein Arsch ist.



Seite 194: In jeder Wohnung sind Zombies eingesperrt? Wie sind sie dort gelandet? So ganz ohne Kontakt zur Außenwelt? Außerdem habe ich mich schon oft gefragt: Selbst wenige Tage nach der Apokalypse laufen stinkende Klischee-Zombies rum. Faulen die wirklich so schnell und eklig rum? Und erklärt das den Gestank in den Wohnungen nach nur zwei Wochen? Oh ja, ich bin auf der Suche nach Logik-Fehlern. In einem Zombie-Buch.

Seite 202: Immer häufiger fällt mir der ungeschickte Einsatz des auktorialen Erzählers ein, der hier ständig die Perspektive wechselt und dadurch eher einem Drehbuchschreiber ähnelt. Jeder Absatz beschreibt, was einer der Hauptfiguren gerade anstellt. Brian sitzt im Auto hinten und schaut hinaus. Philip sitzt vorne und steuert das Auto. Nick sitzt daneben und schaut aus dem Fenster. Penny sitzt neben Brian und schaut aus dem Fenster. Und das ständig im Wechsel. Jede Szene wird so eingeleitet und nimmt der Geschichte das Tempo. Hmpf!

Seite 221: Endlich werden mal die Vorteile vom Stadtleben beschrieben: Essen ohne Ende, viele Sicherheitszonen, aber auch viele Zombies. Spannend! Vor allem Nicks Idee mit der Brücke. Wenn ich in einer Zombie-Apokalypse irgendwo eingeschlossen wäre, dann wohl auch am liebsten in der Stadt im Geschäftsviertel. Mit einem Waffengeschäft, Lebensmittelläden und Blumengeschäfte in der Nähe. Und einem Flachdach, um dort Essen anzubauen und Wasser auffangen zu dürfen. Mit einem sicheren Eingangsbereich. Oder auf einer einsamen Insel. Aber wehe die Zombies sind schnell und lernen schwimmen, klettern oder sonstwas in der Art!

Seite 226: Wie es David Chalmers überhaupt bis hierhin geschafft hat, ist mir schleierhaft.

Seite 232: Jetzt kommt die Stunde der Wahrheit: Bleibt Chalmers tot oder nicht?

Seite 236: Überraschung! Gerade diesen Umstand finde ich bei Kirkmans Zombiewelt am verstörendsten: Es gibt kein Ende, keine Erlösung, keine Flucht. Jedes noch so kleine Fleckchen Friede endet irgendwann im Tod, Chaos und Leid.

Seite 266: Das war bislang das Meisterstück des Romans: Ein Kapitel, das aus wechselnder Perspektive einmal die Sehnsucht nach Liebe beschreibt (Philip) und einmal eine rücksichtslose Vergewaltigung eines jähzornigen Verrückten (April). Autsch! Hätte man nur Philipps Sicht auf das Geschehen, wäre es eine schöne, verworrene Liebesgeschichte. Da wir aber Aprils Ablehnung gelesen haben, können wir den unzuverlässigen Erzähler enttarnen. Das gibt Konsequenzen. Philip rutscht auf den Abgrund zu, April ist traumatisiert. Schwanger? Und Tara hasst Philip dafür, dass er ihren Zombie-Dad ermordet hat. Ist das zuviel Spannung in der Gruppe?

Seite 278: Ohne Essen? Ohne Waffen? Uh! Mal schauen, wie Kirkman das löst.

Seite 284: Toll, sie sollen sich gebückt halten, aber Philip darf lautstark ausrasten? Wie diese Gruppe bislang überlebt hat, ist mir schleierhaft. Bei meiner Apokalypse wäre ich gerne mit einigen rationalen Leuten zusammen, bitte!

Seite 298: Motorräder als Fluchtfahrzeuge, da bin ich gespaltener Meinung. Einerseits können so blockierte Straßen locker umfahren werden, der Tank reicht weit, aber andererseits sind die Fahrer auch greifbarer für Zombies. Oder?

Seite 318: Oh. Brian sieht Schatten und Bewegungen. Wer sich nicht sofort offenbart, hat etwas zu verbergen. Ich habe kein gutes Gefühl, was die Verfolger betrifft.

Seite 336: Das ist auch typisch für Kirkman: Nicht nur die guten Menschen überleben, sondern auch der Abschaum. Hier dargestellt durch eine Bande von Junkies. Das wird gleich spannend: Wie wird unsere Gruppe das unbewaffnet überleben? Die werden doch abgeknallt bzw. der Kampf wird nicht ohne Verluste ablaufen. Philip und Brian als Brüder bleiben bestimmt am Leben, als ist entweder Nick oder Penny dran.

Seite 352: Der Wahnsinn von Philip wird durch den Verlust immer schlimmer. Nach der Vergewaltigung kommt zu seinem Jähzorn noch Folter hinzu.

Seite 368: Nick hat den Mut, sich Philip entgegen zu stellen. Das überrascht mich, denn Nick ist immer noch eine Nebenfigur, von der ich gar nichts weiß. Außer, dass er religiös ist. Und Philips Freund. Sonst nichts. Hmpf!


Kommentare:

  1. Die Idee an sich ist nicht schlecht, aber mir würden die Spoiler "auf den Keks" gehen, denn so weiß ich viel mehr als ich eigentlich sollte. Ich kann Spoiler im Allgemeinen nicht leiden, sie müssen für mich nicht sein, wenn sie über Seite 100 hinausgehen. Natürlich ist es interessant, was die Leute über die Bücher denken und noch viel interessanter ist es das im Detail zu lesen,aber dann doch eher, wenn man will und nicht wenn man muss ;)

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    1. Ja, Spoiler in Rezensionen sind tödlich. Deshalb unterteile ich meine normalen Rezis immer zum Schluss mit "Meinung (ohne Spoiler)" und "Meinung (mit Spoiler)". Und genau hier liegt vielleicht genau der Knackpunkt:

      "Meinung ohne Spoiler" wollen Leute lesen, die das Buch nicht kennen und eine Meinung einholen wollen.

      "Meinung mit Spoiler" richtet sich an Leute, die das Buch schon gelesen haben und mit denen man kritische Gedanken teilen möchte.

      Genau zu der zweiten Kategorie würde deshalb auch meine Speed-Review passen. Sie ist als unmittelbarer und direkter Austausch unter Lesern gedacht, die das Buch gerade lesen, mitlesen und gelesen haben. Denn: Man kann chronologisch mitlesen, ohne gespoilert zu werden :)

      Mal schauen, ob ich Lust auf weitere Speed-Reviews haben werde. Vielleicht ist der vorläufige Begriff auch unpassend. Eigentlich hätte ich dafür gerne einen lustigen deutschen Neologismus :D

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