Freitag, 31. August 2012

Deutscher Buchpreis 2012 – Blind-Date-Lesereise


Gespannt fuhr ich am Dienstag nach Frankfurt. Da ich morgens keinen Kaffee getrunken hatte, nahm ich mir bei der Zugfahrt-Planung vor, mir die S-Bahn, die U-Bahn, den Bus zu schnappen, der eine Viertelstunde vor der Lesung ankommen sollte. Ich wollte nämlich nicht 40 Minuten zu früh auf dem Gelände rumkrebsen. Warum ich diese Gedanken hatte, weiß ich nicht (schiebe es dem Koffeinmangel zu), doch schließlich sammelte ich auf meinen Weg zum Mediacampus so viel Verspätungen ein, dass ich insgesamt eine halbe Stunde länger unterwegs war als geplant. Wer verlässt sich schon auf den Öffentlichen Nahverkehr? Zumindest in Hessen.

Doch warum die ganze Aufregung, das Hetzen und Ärgern? Ich wollte zur ersten Blind-Date-Lesung der Longlist-Kandidaten zum Deutschen Buchpreis 2012. Die Autoren besuchen viele Städte in ganz Deutschland. Und keiner von den Teilnehmern der Blind-Date-Lesereise weiß vorher, in welcher Stadt welcher Schriftsteller liest. Ich quetschte die Daumen und wurde belohnt: In Frankfurt las Ursula Krechel ihren Roman »Landgericht«, der bei Jung und Jung erschienen ist.


In dem Buch kehrt Richard Kornitzer, er ist ein Richter gewesen, nach dem Zweiten Weltkrieg zurück in die Heimat. Die Nazizeit hat sein komplettes Leben verändert und seine Familie ist zwischen dem Bodensee, Mainz und England versprengt. Die Heimat ist Kornitzer fremder als das in magisches Licht getauchte Exil in Havanna. Es ist ein Roman, der die Gründungsjahre der Republik und die Lebensgeschichte eines Mannes erzählt, der nie wirklich wieder zu Hause kommt.

Entgegen aller Vermutungen verriet Ursula Krechel nach ihrer Lesung, dass sie für den Roman nicht sehr viel recherchiert habe. Sie war im Mainzer Staatsarchiv gewesen und natürlich für ein paar Tage in Lindau am Bodensee. Insgesamt hat sie zwei Schulhefte vollgeschrieben mit interessanten Berichten und Erinnerungen aus der Gründerzeit. Krechel, selbst 1947 in Trier geboren, konnte für den Roman auch ihre eigenen Erinnerungen als drei- oder vierjähriges Kind einfließen lassen.

Das Thema des Romans »Landgericht« selbst finde ich sehr spannend, Krechel begründete dies in folgender Zahl: Nur fünf Prozent aller Exilanten kamen nach dem Krieg zurück, doch was wurde aus ihnen? Wie fügten sie sich in das neue, alte, fremde Leben im Nachkriegsdeutschland ein? Richard Kornitzers Kinder landeten während des Krieges in England. Krechel hat viele Kindertransportberichte gelesen, um diesen Handlungsstrang so authentisch wie möglich beschreiben zu können. »Die Angst der Kinder vor Deutschland war in England groß, vor allem, wenn die Deutschen mit ihren Fliegerbomben kamen. Sehr schnell mussten sie ihre Heimatsprache vergessen, um nicht ausgegrenzt zu werden«, berichtete sie. Kornitzers Tochter im Roman ging mit vier Jahren nach England und kam nach zehn Jahren zurück. Sie beherrschte die Sprache kaum und ihre Eltern waren ihr vollkommen fremd.

Besonders faszinierend ist die Sprache des Romans, der sehr sachlich und unaufgeregt die Handlung beschreibt. Krechel setzte so den Chronikstil um. Im Publikum gab es Kritik, dass der Protagonist zu ruhig und nicht wütend genug sei, obwohl er allen Grund dazu hätte. Doch genau hier verbirgt sich das spannende Element des Romans: Krechel hat das Berufsbild der Juristen sehr genau studiert und in ihnen sehr rationale Menschen erlebt, die sich gerne gegen ihre Emotionen versperren. Deshalb geht der Zorn des Protagonisten Richard Kornitzer nach Innen und richtet sich gegen sich selbst. Bei ihren Recherchen ist sie auch auf diese Spätschäden gestoßen. »Richard implodiert und explodiert nicht!«, betonte sie.


Ursula Krechel hat Germanistik, Kunstgeschichte und Theaterwissenschaften studiert. Sie hat geschrieben, seitdem sie schreiben kann. Eine besondere Vorliebe hat sie für Lyrik. Derzeit liest sie deshalb auch viele Gedichte, aber auch zeitgeschichtliche Romane. Mehr Informationen zur Autorin und ihren Büchern gibt es auf der Seite von Jung und Jung.

Weitere Termine für die Blind-Date-Lesereise sehen wie folgt aus:

Königs Wusterhausen
31.08.2012, 19:30 Uhr
Stadtbuchhandlung Radwer / Festsaal der Kavalierhäuser
Bahnhofstraße 11 / Schlossplatz 1
Telefon 03375 293667

Gernsbach
04.09.2012, 20:00 Uhr
Bücherstube
Kelterplatz
Telefon 07224 40133

Brühl
05.09.2012
Die Buchhandlung
- entfällt -

Hanau
05.09.2012, 20:00 Uhr
Buchladen am Freiheitsplatz
Am Freiheitsplatz 6
Telefon 06181 28180

Düsseldorf
06.09.2012, 20:00 Uhr
Bolland & Böttcher
Rethelstraße 121
Telefon 0211 6913571

Bonn
06.09.2012, 20:00 Uhr
BuchLaden 46 (in Kooperation mit dem Literaturhaus Bonn)
Kaiserstraße 46
Telefon 0228 223608

Wiesmoor
07.09.2012, 20:00 Uhr
Susannes Buchhandlung
Hauptstraße 181
Telefon 04944 2194

München
07.09.2012, 19:30 Uhr
BücherOase KG
Knorrstraße 45
Telefon 089 18921730

Vellmar
10.09.2012
büchereck am Rathaus
Rathausplatz 3
Telefon 0561 826561

Lagoa, Portugal
11.09.2012
ALFA (Assoziation der Literatur- und Filmfreunde der Algarve)

Kommentare:

  1. Ach, wie witzig, ich war auch bei der Lesung. Danke für den schönen Bericht!
    Frau Krechel war mir überaus sympathisch, sie hat wunderbar gelesen und tapfer auf die doch etwas banalen Fragen geantwortet. Eine beeindruckende Autorin und ein (zumindest auf den ersten Blick) ebenso beeindruckender Roman. Wie fandest du die Moderation?

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    1. Huhu caterina,

      ich teile deine Beobachtungen. Im Börsenblatt war die Beschreibung ihres Romans bei mir leider nicht hängen geblieben. Als ich schließlich während der Lesung erfuhr, wer als Autor da war, musste ich erst einmal googeln. Der Groschen fiel erst, als ich erfuhr, dass sie die Jung und Jung-Kandidatin ist.

      Ihren Stil fand ich toll. Ich merke immer noch, wie ihr Text und ihr Thema in mir nachhallt. Ich hoffe, sie kommt auch auf die Shortlist - vielleicht kaufe ich mir den Roman auch noch.

      Die Moderation fand ich in Ordnung, die Fragen auch, was aber eher daran liegt, dass ich selbst nicht so ein Fragensteller und eher ein Zuhörer bin und deshalb wiederum ganz erstaunt bin, wenn selbst unnütz klingende Fragen doch ganz nützliche Antworten entlocken können :)

      Hast du dir den Roman noch geholt?

      Liebe Grüße,
      nt

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