Freitag, 12. August 2011

Lesen – Tolstojs Humor

Es sind Augenblicke wie diese, die mich immer wieder begeistern, kurz innehalten und lächeln lassen:

»Dieser Prinz schien davon besessen, alles sehen und kennenlernen zu müssen, wonach man ihn zu Hause fragen konnte: ob er auch das in Rußland gesehen habe? Auch wünschte er selbst, nach Möglichkeit alle russischen Vergnügungen auszukosten. Wronskijs Aufgabe war es, ihm in jeder Hinsicht als Führer zu dienen. So fuhren sie also des Vormittags aus, um Sehenswürdigkeiten zu betrachten, und nahmen am Abend an nationalen Vergnügungen teil. Der Prinz erfreute sich einer selbst für einen Prinzen ungewöhnlichen Gesundheit, und durch Turnen und gute Körperpflege hatte er seinen Körper so gestählt, daß er trotz des Übermaßes, mit dem er sich dem Vergnügen hingab, frisch war wie eine große, glänzende, holländische Gurke.«

Aus: Leo N. Tolstoj: Anna Karenina. Klagenfurt: Neuer Kaiser Verlag, 1978. Seite 170.

Kommentare:

  1. Ach, und wie schön auch die Szene, in der Levin in den Wiesen übernachtet und morgens dann die Postkutsche mit Kitty vorbeirauschen sieht, während am Himmel die rosa Wolke erscheint ... oder die andere mit dem Gutsbesitzer, der seinen langen Bart mit der Faust fest umschliesst, während am anderen Ende des Tisches die Frau mit dem schönen weissen Busen sitzt -- und den blauen Adern im weissen Busen und dem vollkommen viereckigen Ausschnitt um den weissen Busen ... Der Ausschnitt wird zum Fenster und weist den Weg in eine andere, wunschhafte Welt, von der man ahnt, dass sie keinen genauen Beschreibungen zugänglich ist, sondern lediglich andeutungsweise in ,,phantasmatischen'' Begriffen oder in geometrischen Konzepten wie ,,Raumanomalie'' oder ,,Singularität'' durchdringt, in ersten Ausformungen der beginnenden Moderne, die an dieser Stelle wie durch ein Leck aus der Zukunft in den tolstoj'schen Text herabdringen) (blaue Adern auf weissem Grund bei Tolstoj obligat, man frage nur irgendeinen Russen: ,,weisser Busen...'', automatisch folgt die Ergänzung: ,,und blaue Adern''). Genau genommen sind es diese Passagen, die mich AK über K&F setzen lassen und aus AK gleichsam ein ,,nach innen'' gewandtes K&F, ein psychologisches K&F, machen, das keiner wahren Kriege und keiner Napoleons mehr bedarf, um zu den gleichen Feststellungen, in vermutlich bedeutsamerer Formulierung, zu gelangen. Ein wenig von dieser ,,geistigen Muße'' gibt es schon in K&F. Sie ist charakteristisch für die Moderne, die sich zunehmend vom Tchechov'schen Prinzip löst, wonach ,,ein jedes Gewehr, das an der Wand hängt, auch benützt werden muss''. Genaugenommen sind es minimale Auflösungen des Textes, andeutungsweise Formen des Zerfliessens und Zerfaserns, an denen kaleidoskopische Doppelbilder, Parallelwelten und Randzonen aufscheinen, Modi des Seins, die in radikalem Gegensatz zu den fast brutalen, unglaubwürdigen Kontrasten stehen, die - beispielsweise - den in unverzeihlicher Weise unvorsichtigen Pierre mitten in der tobenden Schlacht davor bewahren, Schaden zu nehmen, als wäre der Mann ein wandelnder Heiliger, den die Wirklichkeit nicht tangiert. Ganz anders diese andere kurze, ungleich modernere Passage, kurz vor der Entscheidungsschlacht bei Borodino, in der ein Soldat verärgert nach dem augenblicklichen Standort der Truppen fragt und (in etwa) zur Antwort erhält: ach in irgendein so einem Dorf ... Bardino oder ähnlich.

    AntwortenLöschen
  2. Ich danke dir für deinen ausführlichen Hintergrundbericht, der meinen bisherigen Eindruck mit viel Wissen bestätigt.

    Zuerst war ich enttäuscht, als mein erster richtiger Tolstoj in so einem einfachen und gut lesbaren Stil daherkam. So ein großer Schriftsteller - da habe ich auf dem ersten Blick einfach mehr erwartet. Großes.

    Doch schon nach den ersten Seiten fühlte ich mich an der Nase herumgeführt. Es war so ein Gefühl, das immer stärker wurde, je weiter ich mich in AK hineinwagte. Ich merkte, wie hinter den einfachen Worten scheinbar eine zweite Welt entstand, die ein ganz anderen Blick auf die einfach geschilderte Geschichte warf - dazu garniert mit dem unglaublichen Humor von Tolstoj, der zwischen den Zeilen immer wieder hervorblitzt.

    Dein Hintergrundwissen bestätigt mir diesen Leseeindruck. Ich bin schon gespannt, wie alles enden wird (:

    AntwortenLöschen