Freitag, 14. Januar 2011

Schimpfen für Bibliophile

Manchmal muss es sein. Da kocht es im Schädel, kribbelt es in den Fingern, die Augenbrauen neigen sich gefährlich in Richtung Nasenspitze und die Lungen sind zum Zerreißen angespannt. Dann, wenn der Rechner mal wieder streikt, das Mail-Programm um zwei Uhr nachts abschmiert, die S-Bahn nicht kommen mag. Wenn vor einem Bus der Kinderwagen nicht vorbeigelassen wird, sich in der Warteschlange bei der Post Menschen vordrängeln und Raucher sich nicht an das gelbe Quadrat halten. Oder falls sich Fehler in einem teuren Buch häufen, es durch Unachtsamkeit ein Eselsohr bekommt und der Multivitaminsaft beschließt, sich in der Tasche selbstständig zu machen. Aber vor allem, wenn der Computer nicht funktioniert – dann möchte sogar ich mal ordentlich fluchen.

Eigentlich mag ich keine Schimpfwörter und grummel vor mich hin. Oder aber ich fluche ein wenig in einer anderen Sprache – das klingt zumindest lustig, vor allem wenn man manche Ausdrücke wörtlich ins Deutsche übersetzt. Ein »mehrstöckiger Esel« ist ein tolles Wort für meinen alten Rechner, »Männerkomma« ebenfalls. Aber irgendwie ist das alles nicht das Wahre, das einzig richtige, befriedigende Dampfablassen, das ich mir immer gewünscht habe.

Gestern hatte ich abends ein kleines Schlüsselerlebnis. Ich bin nach dem Abendessen am Fernseher kleben geblieben. Cornelia Funkes »Tintenherz« lief und ich schnappte mir ein Stück Gouda, einen Stift und den Ausdruck eines zu korrigierenden Krimis und tauchte zwischen den Werbepausen ein in die Welt von Meggie, Mo, Reza, Elinor, Staubfinger und Capricorn. Ich glaube, dass im Film unheimlich viel weggekürzt worden ist, sah mir aber sehr gerne Brandan Fraser in der Rolle von Mo an. Und dann kam die wundervolle Stelle, in der Elinor so richtig wütend war. Sehr verständlich! Wenn jemand meine Bibliothek dermaßen zerstören würde wie Capricorns Männer, wäre ich unglaublich-unheimlich-ungewöhnlich-unerreicht wütend. Und sie fing an zu fluchen, nannte die mit Sätzen entstellten Gesichter der schmutzigen Räuber »Schundliteratur« und benutzte noch weitere, feinere Ausdrücke, und plötzlich dachte ich: Ja genau, eigentlich müsste man so toll fluchen können wie Elinor.

Was bieten sich für einen Buchliebhaber allerdings für Ausdrücke an? Billige Schundliteratur, niveaulose Trivialliteratur, pummlige Punze, dreckiger Schmutztitel, billiger Abklatsch, fettiger Schinken, dicke Schwarte, Schandschrift, Schimmelbogen, Schmutzliteratur. Es darf aber auch ein bisschen deftiger werden: Hurenkind, Schwanz, Groteske, armer Schusterjunge. »Willst du mich veraschen? Bei dir war wohl das Gehirn vergriffen? Du Setzfehler mit einer Statur, krumm wie ein gebrochener Buchrücken und einem Gesicht voller Stockflecken!«, klingt auch nicht schlecht. Du bist gefettet, hast Volumen und bist und bleibst ein Times-New-Roman-Benutzer. Und möchte ich mit einer Person nie wieder etwas zu tun haben, vollende ich meine Beschimpfung mit: »Du tote Literatur! Dich kann man nur noch verramschen!«
Ich glaube, mein nächster Wutanfall wird ganz schön lustig enden.

Kommentare:

  1. Ich klatsch mir mal gegen die Stirn. Dass mir Mängelexemplar als Schimpfwort nicht eingefallen ist ...! Notiz an mich selbst: Schwache Leistung, Frau Buechereule. Dankeschön, liebe Twitterin K.!

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  2. Was ist denn an Times-New-Roman so schlecht ?

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  3. Unser Grafik-Prof macht sich immer über diese Allerwelts-Schrift lustig. Eine Arbeit, die in dieser Schrift gesetzt ist, könnten wir eigentlich gleich in den Papierkorb werfen. Ich finde Calibri schlimmer, obwohl die Schrift unheimlich viele Sonderzeichen hat, was sie wiederum interessant macht.

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