Dienstag, 25. Januar 2011

Von Darlings, Lebensabschnittsgefährten und Dealern: Warum manche Bücher mehrmals gelesen werden

Was haben Joanne K. Rowling, Hermann Hesse, Patrick Süskind und Bram Stoker gemeinsam? Sie sind Schriftsteller aus unterschiedlichen Genres und unterschiedlichen Zeiten und haben eine unterschiedliche Rezeptions- und Publikationsgeschichte. Außerdem maße ich mir an, alle Bücher dieser Autoren zu besitzen und einzelne Titel mehrmals gelesen zu haben. Warum machen Leser das eigentlich? Bücher mehrmals zu lesen? Was ist ihre Motivation?

Auf meiner Suche nach Antworten habe ich bei einigen Lesern nachgefragt, im Internet recherchiert und mit Wortschatz diskutiert. Aus allen Gesprächen, Titelvorschlägen und Erfahrungsberichten konnte ich verschiedene Motivationen herausfiltern, die ich in starke und schwache Motive unterteile. Bei beiden Typen entsteht die Motivation aus dem Buch heraus, sodass ich umgekehrt zwangsläufig auf Motive stoßen musste, die durch das Leseverhalten des Menschen dominiert werden.

Zu den starken Motiven, ein Buch mehrmals zu lesen, gehört die Gattung Lebensabschnittsgefährte. Es sind Bücher, die in verschiedenen Lebensabschnitten verschiedene Deutungen und Lesarten zulassen. Oft vergehen mehrere Jahre, bis der Leser sich ihnen wieder zuwendet und während des Lesens neue, für ihn persönlich wichtige Lehren zieht. Manche Lebensabschnittsgefährten werden erst verstanden, wenn der Leser eine bestimmte Phase in seinem Leben selbst erlebt hat. Dieses Motiv passt zu meinem Hermann Hesse. Zum Glück habe ich ihn schon sehr früh für mich entdeckt und mein Lieblingsbuch »Narziss und Goldmund« habe ich inzwischen fünf oder sechs Mal gelesen. Jedes Mal sind mir neue Aspekte, Interpretationen, Eigenheiten aufgefallen, die ich auf mein Leben anwenden konnte – je nachdem, wo ich mich gerade befand.

Ein sehr starkes Motiv findet der Leser in Nostalgie-Büchern. Es sind Bücher, die meistens während der Kindheit gelesen wurden. Karl May? Astrid Lindgren-Titel? Enid Blyton? Die Definition kann sogar auf komplette Themenkomplexe und Genres ausgeweitet werden. Dazu gehören generell Internatsromane, Jugendkrimis oder Pferdebücher. Diese Kindheitsbücher hat der Leser früher geliebt und um das Gefühl wieder zu erlangen, liest er sie erneut. Die Gefahr ist groß, dass er nach der Lektüre enttäuscht ist und merkt, dass seine Erinnerungen nur ein verklärtes Bild widergespiegelt haben. Die Nostalgie-Bücher können nicht nur auf die Kindheit bezogen werden, sondern auch auf einen bestimmten positiven Abschnitt im Leben. Ich habe bislang großes Glück gehabt, denn meine Kindheitsliebe, Brams Stokers »Dracula«, hat mich nicht enttäuscht. Ich habe das Buch mittlerweile drei Mal gelesen und hätte nichts gegen ein viertes Mal. Genauso gerne mag ich immer noch meine Ronja Räubertochter.

Das dritte Motiv entsteht, wenn der Leser auf eine Stil-Ikone trifft. Das Buch hat einen außergewöhnlichen Stil, der Schriftsteller ist ein begnadeter Erzähler und versteht es blendet, sein Handwerk einzusetzen. Der Leser verschlingt jeden Satz, erfreut sich jeder Metapher und flippt bei jedem elegant gesetzten Komma aus, der den Satz verlängert und den Genuss steigert. Wenn dann auch noch der Inhalt stimmt, ist der Leser der Stil-Ikone unweigerlich verfallen. Es ist wichtig für sie, diese Bücher oft zu lesen, denn sie können gar nicht so viel auf einmal erfassen, wie das Buch stilistisch zu bieten hat. Oft bilden sich Stil-Ikonen-Fanatiker weiter, sodass die Kompetenz und das Verständnis steigen und immer mehr neue Entdeckungen gemacht werden. Für sie ist das Lesen einer Stil-Ikone immer eine Form der Weiterbildung. Meine Motivation, Patrick Süskind zu lesen, geht in eine ähnliche Richtung. Ähnlich? Wenn ich so darüber nachdenke, wäre das eigentlich wieder eine Untertreibung. Ich vergöttere ihn.

Eine andere Form sehr starker Motivation findet seinen Anklang in den jungen Wilden! Diese Bücher kann man nur mit einem Ausrufungszeichen betiteln. Die Leser dieser Bücher wollen mitleiden und mitfiebern. Mit einem Wort: Unterhaltung. Es sind Bücher, die den Geschmack treffen, spannend sind und emotional anrühren – eben reine Unterhaltungsliteratur, die Spaß macht.

Ein wenig gefährlicher und verruchter geht es auf der dunklen Seite des Lesens weiter. Manche Leser suchen Dealer, um sich mit bekanntem Stoff zu versorgen. Das sind Bücher, die den Leser vollkommen im Griff haben. Sie sind hörig, begierig auf das Lesen – geradezu abhängig. Ist es eine Krankheit? Ein Virus, der mutiert und sich schnell verbreitet? Irgendwie schon. Die Leser sind süchtig danach, die vertrauten Welten, die geliebten Figuren und vor allem die beim Lesen empfundenen Gefühle erneut zu erleben. Vor allem diese Emotionen sind es, nach denen der Leser sich sehnt. Viele Fantasy-Romane sind potentielle Dealer, weil sie viele Sehnsüchte befriedigen. Werden sie zudem mit Liebe kombiniert, verschlingen sie den anfälligen Leser endgültig. Beispiel gefällig? Stephenie Meyer!

Auf der Sonnenseite stehen hingegen My Darlings. Die Motivation für sie ergibt sich ganz selbstverständlich. Es sind die absoluten, perfekten, unerreichten Lieblingsbücher, die zu 120 Prozent zum Leser passen. Mindestens. Darlings sind das fehlende Puzzlestück, das Stückchen Zucker im Kaffee, die Morgensonne beim Aufwachen, die Schokolade und der Gummifrosch in der Eiswaffel. Sie bereichern das Leben des Lesers und sind wie eine alte Liebschaft, auf die immer wieder gerne zurückgegriffen wird. Ich habe einen Verdacht. Eins meiner Bücher (ich schiele gerade auf den Einband) hat das Potenzial dazu, mein Darling zu werden. My little Sunshine. Jedes Mal, wenn ich es in einer Flohmarkt-Kiste finde, schlägt mein Herz höher. Seit eineinhalb Jahren verspüre ich eine tiefe Sehnsucht danach, es zu lesen. Aber Halt! – bislang habe ich es nur einmal gelesen und weiß daher nicht, ob sich mein Verdacht bestätigt. Deshalb bewahre ich noch Stillschweigen über meine heimliche Geliebte.

Das letzte, starke Motiv sind geprägt von Zweifel, Liebe und Hasse: Es sind die Unverständlichen. In der Brust des Lesers wohnen zwei Seelen, die sich im ewigen Widerstreit mit diesem einen Buch befinden. Er hat es gelesen, nicht verstanden, war aber fasziniert. Schon haben die Unverständlichen ihn geködert. Er liest das Buch erneut, versteht es nicht, verzweifelt, liest es wieder. Er paukt Literaturtheorien, Interpretationsmethoden, lernt die Biografie des Autors und die Rezeptionsgeschichte des Unverständlichen auswendig. Immer wieder denkt der Leser, dass er etwas gelernt hat, stürzt sich voller Hoffnung in die Lektüre und scheitert erneut. Dieser Leser ist von einem unermüdlichen Ehrgeiz getrieben und empfindet oft eine starke Hass-Liebe zum Buch. Thomas Mann habe ich bei meiner Recherche häufig in Zusammenhang mit den Unverständlichen gelesen. Meiner Meinung nach könnte Martin Mosebach ein geeigneter Kandidat sein. Zumindest lese und kämpfe ich immer noch.

Daneben gibt es schwache Motive, die alle auf irgendeine Art und Weise erzwungen sind. Dazu gehört unbedingt die Pflichtlektüre, die für die Klassenarbeit, die Klausur, die Seminararbeit mehrmals gelesen werden muss.Wegen Vorlesebüchern müssten alle Eltern eigentlich Mehrmals-Leser sein. Sie können bestimmt bestätigen, dass ihre Kinder die Bücher immer und immer und immer wieder hören wollen. Bei mir war es ein Buch mit drei Katzen, einer weißen, einer grauen und einer schwarzen. Meine Mutter kann die Geschichte heute noch auswendig herbeten. Fehlender Lesestoff ist ein trauriger Missstand, allerdings ebenfalls ein Grund, die wenigen Besitztümer mehrmals zu lesen. Zur schwachen Motivation zählt das Reihenphänomen: Bevor der neueste Band einer Serie erscheint, wird der alte schnell quergelesen. Je mehr Bände veröffentlicht werden, desto öfter werden die Bücher gelesen. Zum letzten schwachen Motiv ordne ich Filmbücher zu. Sobald der Film in die Kinos kommt, werden manche Leser dazu verführt, das Buch unbedingt (erneut) lesen zu müssen.

Welche Motivationen entstehen aus dem Leser heraus? Ich ordne dazu Eigenheiten, Angewohnheiten und bestimmte Einstellungen zu und setze voraus, dass ihnen das Buch mehr oder minder gefallen hat. Der Endlos-Leser möchte ein Buch immer mehrmals lesen, um die Geschichte immer wieder aufleben zu lassen. Er ist anfällig für Dealer, aber auch für Darlings. Schnellleser hingegen schalten das Kriterium Zeit aus. Sie können es sich ohne Probleme leisten, ein von ihnen gemochtes Buch schnell und ohne Umstände querzulesen. Der Überblicksleser liest jedes Buch zunächst quer, um den Inhalt schnell zu erfassen und liest es danach erneut – aber langsam und mit Genuss. Der geizige Leser geht mit einer anderen Einstellung an das Buch heran. Es hat Geld gekostet – und es nur einmal zu lesen wäre finanziell unwirtschaftlich. Der Leser, der Mitleid empfindet, tastet sich mit einer extrem emotionalen Sichtweise an Bücher heran. Ihre Bücher werden mehrmals gelesen, weil sie es schlichtweg verdient haben. Es sind Freunde, die Zuwendung brauchen und vor allem: Aufmerksamkeit!

Alle Typen und Motivationen, die von mir aufgezählt und entdeckt wurden, grenzen sich nicht trennscharf voneinander ab. Oft entsteht eine Motivation erst in der Kombination mit dem richtigen Leser und der richtigen Einstellung, der richtigen Zeit, dem richtigen Ort, dem richtigen Umfeld und natürlich am richtigen Buch. Gerade am Beispiel von Harry Potter lässt sich feststellen, dass auf die Bücher – je nach Leser – mehrere Motivationen anwendbar sind.

Nun bin ich aber neugierig, was für ein Leser du bist, lieber Leser. Liest du Bücher mehrmals und wenn ja, aus welchem Grund? Gibt es Bücher, die so eine Wirkung auf dich haben, dass sie einer der Typen zugeordnet werden können? Hast du Ergänzungen? Neue Erfahrungen und Beobachtung?

edit: Unter diesem Posting findest du die Gründe, warum Menschen Bücher niemals ein zweites Mal lesen.

Kommentare:

  1. Merci merci für diesen informativen Post, Mademoiselle N. Ich flippe gerade bei jedem Komma in "Mrs. Dalloway" aus. ;)

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  2. Ich freue mich, dass es dir ähnlich geht. Damit wären wir schon zwei Leserinnen, die den Stil-Ikonen verfallen sind! Das feiern wir am besten bei einem Kaffee/Tee und lesen uns gegenseitig die besten Komma-Passagen vor. Woolf versus Süskind. Deal? ;)

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